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Solo! Showdown in eisiger Kälte am höchsten Berg Europas!

Aktualisiert: 1. März


Mein erster Versuch, den Elbrus Solo im November von der Nordseite aus zu besteigen und nach Süden hin zu überschreiten, ist gestern Vormittag gescheitert. Heftige Winde und eineunerbittlich eisiger Sturm haben mir den Gipfel einfach nicht freigeben wollen. Nachdem ich das für mich äußerste und zugleich noch verantwortbare riskiert hatte, sah ich mich gezwungen aufzugeben und umzukehren. Ich wollte einen weiteren Ego-getriebenen Vorfall vermeiden, bei dem ich zwar den Gipfel erreiche, mich jedoch in einem fürchterlichen Sturm oder Whiteout am Gipfel wiederfinden würde und nur mit Glück und Wohlwollen der Natur und des Berges wieder lebendig hinunter komme. Ich hatte mir und meinen liebsten Versprochen, so nicht mehr Berge zu besteigen, und übe mich daher in Geduld, Besonnenheit und versuche mein Glück erneut unter besseren Bedingungen.

Denn meine erste Gipfelbesteigung des Mt. Blancs endete damals mit diesem Resultat…

Irgendwann erzähle ich euch diese Geschichte ausführlich und wie mich dieser Fehler und Niederschlag einiges über mich selbst lehrte und ich dadurch hoffentlich zu einem besseren Bergsteiger wurde.

Alim und ich sitzen zusammen in seinem Jeep, wir haben das nördliche Basecamp und die Emanuel Wiese verlassen und befinden uns gemeinsam auf dem Weg nach Naltschick, denn er kehrt zurück nach Hause und ich muss mich neu sortieren, um einen weiteren Gipfel Versuch starten zu können. Wir fahren über eine breite Schotterpiste hinab ins Tal, die Sonne strahlt kräftig an diesem frühen Novembermorgen und der Himmel ist wunderschön klar, majestätisch blau und mit einigen einzelnen Wolkenbändern versetzt.



Nach etwa drei Stunden Fahrt hinunter ins Tal kommen wir in eine kleine Ortschaft, wo wir einen kleinen Zwischenstopp einlegen werden, denn ein lokaler Bauer und Freund von Alim kümmert sich über den Winter um seine vier Ziegen. Der Tisch wird extra reichlich gedeckt, denn wir werden zum Mittagessen eingeladen. Erneut werde ich Zeuge davon, dass Gastfreundschaft im Kaukasus ein wesentlicher Bestandteil der Kultur ist und man für seine Gäste nur das Beste bereit hält. Es gibt eine extrem leckere Bortsch aus roten Rüben, Kartoffeln, Zwiebeln, Weißkraut, Paprika, etwas Knoblauch und Rindfleisch.

Einfach nur vortrefflich, besonders wenn man leicht durchgefroren ist und gerade vom kältesten Berg des Kontinents hinunter gefegt wurde. Dazu gab es eingelegte Tomaten, schwarzen Tee mit Honig, selbstgemachtem Kompott und selbstgemachtes Brot. Also im Grunde ist nahezu alles hier selbst gemacht, denn dies ist die beste und kosteneffizienteste Weise, sich selbst zu versorgen, den harten Winter zu überstehen und um einigermaßen unabhängig zu sein. Nach dem Essen zeigt man uns den Bauernhof, das Haus, ein großes bereits abgeerntetes Kürbisfeld, die alten Landmaschinen und einige alte Fahrzeuge an denen gelegentlich mal jemand rumbastelt.

Sie stellen sogar ihre eigene Wolle her und machen daraus Hausschuhe und andere Kleidungsstücke.


Dieses alte Gefährt sieht so aus, als wäre Stalin höchstpersönlich noch damit gefahren. Alim unterhält sich sehr lange mit dem Besitzer des Hofes, denn sein Verbleib am Elbrus ist ungewiss, denn zum einen wird er zunehmend vom Basecamp auf der Emanuel Wiese vertrieben und auf der anderen Seite, hatten sie in den letzten Jahren nur sehr wenige Bergsteiger, denn drei Jahre Covid und anschließend der Krieg mit der Ukraine haben dafür gesorgt, dass es so gut wie gar keine internationalen Bergsteiger mehr am Elbrus gibt. Er hingegen liebt die Berge und sein einfaches Leben am Elbrus und möchte einfach nur autark in den Bergen leben, deshalb macht er sich einige Gedanken, wie es für ihn in Zukunft weitergehen kann.

Nach etwa zwei Stunden fahren wir weiter bergab in die nächste große Stadt. In Naltschick leben Alim`s Brüder und ich kann zwei Nächte in der Wohnung seines älteren Bruder`s Maghamed übernachten.


Maghamed ist ein sehr gläubiger, kaukasischer Moslem und überaus wissbegierig im Hinblick auf die Geschehnisse außerhalb Russlands. Er stellt mir unzählige Fragen und erklärt mir immer wieder, dass er diesen Krieg überhaupt nicht versteht und gutheißen kann. Man lädt mich erneut zum gemeinsamen Abendessen bei Alim`s ältesten Bruder ein. Auch dort unterhalten wir uns lang und ausgiebig über alle möglichen Themen rund um die Welt, aber auch an diesem Essenstisch ist der Konflikt mit der Ukraine und die Folgen das allgegenwärtige Thema und ich spüre den Unmut und die gleichzeitige Hilflosigkeit, die die Brüder verspüren, denn keiner möchte riskieren seine Meinung und Ablehnung öffentlich kund zu tun.

Am nächsten Morgen zum Frühstück treffe ich Alex wieder, den ich bereits auf der Nordseite kennengelernt hatte.

Wir frühstücken gemeinsam, denn Alex hat angeboten mich zur Busstation in Naltschick zu fahren, damit ich den nächsten Bus nach Terskol bzw. Azau an der südlichen Seite des Elbrus nehmen kann.

Am Busbahnhof angekommen, löse ich ein Ticket für etwa 300 Rubel, esse eine Kleinigkeit und warte darauf, dass ich mich endlich in den Bus setzen kann, denn ich möchte so schnell wie möglich wieder am Berg sein und den erneuten Aufstieg über die Südseite probieren. Außerdem möchte ich nicht zu lange unten im Tal bleiben, damit meine Akklimatisierung nicht gänzlich verloren geht und ich den Prozess erneut anstoßen muss.


Die Fahrt nach Terskol dauert etwa zweieinhalb Stunden und man fährt stetig Bergauf parallel zum Fluß Baksan, bis man tief ins Tal zwischen Elbrus und Uschba gelangt. Der Uschba ist ein phänomenal anspruchsvoller Berg auf der georgischen Seite, mit seinem steilen, gezackten Doppelgipfel und wohl die schwierigste bergsteigerische Herausforderung, die man im gesamten Kaukasusgebirge finden kann.

Der Nordgipfel gilt als etwas einfacher als der höher gelegene Südgipfel. Dieser Südgipfel des Uschba galt lange Zeit als schwierigster Berg der Welt und forderte daher viele Todesopfer. Staunend fahre ich in dieses Tal hinein, während ich von diesen mehr als 5000 Meter hohen Riesen umgeben bin und träume davon, wie ich auf schmalen Graten zwischen den Gipfeln des georgischen Kaukasus auf- und absteige. Dieses Abenteuer muss jedoch auf den zukünftigen Norrdine warten, denn mein gegenwärtiges Ich hat eine Verabredung mit einem anderen Gipfel, der schon lange auf mich wartet. Seit 2017 denke ich bereits darüber nach, wann und wie ich den Elbrus einmal besteigen könnte. Ich hatte sogar schon einmal einen Flug nach Mineralny Vody gebucht und hatte damals bereits versucht, ein Visum für Russland zu bekommen, denn ich wollte den Berg schon immer im Winter über die Nordseite, vorzugsweise mit meinem Bergsteigerkumpel Michal, der ebenfalls an dieser Route interessiert war besteigen. Es scheiterte am Ende an mehreren Faktoren, wie Zeit, Ausrüstung, Geld und Visum, weshalb der Elbrus bereits sehr lange in meinem Kopf umher schwirrt, aber bis dato noch nie ernsthaft von mir angegangen wurde. Übrigens dachte ich auch zu Beginn, dass doch der Mt. Blanc der höchste Berg Europas und somit einer der Seven Summits sei. Die Frage ist etwas umstritten, denn ob der Elbrus im Kaukasus oder der Mt. Blanc der Alpen, der höchste Berg Europas, hängt im Wesentlichen davon ab, wie man den Kontinent Europa geografisch definiert. Der Großteil der Bergsteiger nimmt die Messner Liste als Maßstab für die Definition her. Mir ist es ehrlich gesagt vollkommen egal, denn ich werde sowieso alle 9 Berge besteigen, daher spielt die Debatte für mich sowieso keine Rolle.

Während meiner Reise um die Welt, hoffe ich mindestens 5 von 7 bzw. 7 von 9 dieser Berge besteigen zu dürfen. Den Mount Everest als höchsten Berg Asiens und den Mount Vinson auf der Antarktis muss ich wohl zu einem späteren Zeitpunkt als separate Expedition aufsuchen, denn die Kosten für eine Besteigung dieser beiden Berge belaufen sich im niedrigen bis mittleren fünfstelligen Bereich, wofür mir derzeit definitiv noch das nötige Kleingeld fehlt oder anders ausgedrückt, mein Weltreise Budget ziemlich schnell erschöpft wäre.


Information zu den Seven Summits:

Bei den Seven Summits handelt es sich jeweils um den höchsten Berg eines jeden Kontinents, daher haben diese Berge eine besonders große Anziehung auf viele Bergsteiger.

Es gibt die sogenannte Messner Liste und die Bass Liste. Im Wesentlichen sind es zwei Berge, in denen sich die beiden Listen unterscheiden. Zum einen, ob der Elbrus oder der Mt. Blanc der höchste Berg Europas ist und dann, ob die Carstensz Pyramide (Puncak Jaya) mit 4884 Metern auf West-Papua oder West-Neuguinea als höchster Berg Ozeaniens/Australiens als einer der Seven Summits zu werten sei oder ob man den Mount Kosciuszko in Australien mit seinen 2228 Metern als höchsten Berg Australiens ansieht.


Mythologie zum Elbrus:

In der griechischen Mythologie wird davon berichtet, dass der Titan Prometheus von Hephaistos an den Strobilos, den höchsten Berg im Kaukasus (Elbrus?) angekettet wurde, weil Prometheus den Göttervater Zeus bei einem Tieropfer mit einer List täuschte und das köstliche Fleisch für die Menschen, die seine Schützlinge sind, behielt. Zeus wollte daraufhin vor Zorn den sterblichen Menschen das Feuer verweigern, doch Prometheus stahl es und gab es den Menschen. Prometheus war der Feuerbringer, der Lehrmeister, ja sogar der Urheber der menschlichen Zivilisation und in einer Variante der Mythologie soll er sogar die ersten fehlerbehafteten Menschen aus Lehm erschaffen haben.

Am Strobilus angekettet suchte ihn dort regelmäßig ein Adler auf, der seine Leber fraß, die sich danach immer wieder erneuerte. Erst nach einer langen Zeit erlöste Herakles ihn von diesem Leiden, indem er den Adler mit einem Pfeil erlegte und Prometheus von Zeus letztendlich begnadigt und freigelassen wurde.

(Darstellung aus der Antike, Prometheus am Strobilos)

(Eine von mir mit Open AI erstellte Illustration, Prometheus übergibt das Feuer)


Ich sehe in der Geschichte des Prometheus den schöpferischen Ungehorsam der Menschen, die sich stets durch Neugierde, Verwegenheit, Fehler und Rückschlägen weiterentwickeln. Wir sind definitiv fehlerbehaftete Wesen, ich glaube jedoch fest daran, dass wir aus unseren Fehlern lernen können und uns eine phantastische Zukunft bevorsteht, wenn wir immer wieder bereit sind uns kritisch zu hinterfragen und wir irgendwann verstehen, was es bedeutet “Mensch” zu sein.


In Terskol angekommen suche ich mir zunächst eine Unterkunft und werde nach kurzen Vergleichen und Umherwandern fündig. Es ist eine Art Herberge und ich habe das Gefühl, dass sich zu diesem Zeitpunkt nur zwei Gäste im gesamten Hotel aufhalten, meine Wenigkeit inklusive. Der zweite Gast war ein älterer russischer Herr, der sich wohl die ganze Nacht mit Wodka vergnügt und alte russische Lieder aus voller Kehle mitten in der Nacht gesungen hat.


Ich machte noch einige Vorbereitungen, füllte meinen Proviant auf, deckte mich mit Nudeln, Schokoriegeln und Gaskartuschen ein und bereitete mich darauf vor, am nächsten Tag mit dem Aufstieg zu beginnen.

Am nächsten Morgen stehe ich früh auf, schultere meinen Rucksack und treffe mich mit Lisa, einer deutschen Bergführerin und Hüttenbetreiberin, die bereits seit über 20 Jahren an der Südseite des Elbrus lebt, Gruppen zum Gipfel führt und erfolgreich eine Hütte bewirtet. Alim gab mir ihren Kontakt und meinte, ich solle mich mit ihr kurzschließen, damit sie mich von der Südseite aus unterstützen kann. Lisa bot mir an, dass ich ihre Hütte verwenden kann, auch wenn sie derzeit nicht bewirtet ist und ich wohl erneut komplett alleine zu dieser Jahreszeit am Berg sein werde. Sie erklärte mir, welche Hütte es ist, wo ich den Schlüssel finde und wie ich den Strom bzw. den Gasherd der Hütte einschalten kann. Sie bestand darauf, dass ich mich bei der Bergwacht registriere, damit die Bergretter im Tal Bescheid wissen, dass sich jemand am Berg befindet, der sich spätestens in drei bis vier Tagen zurück melden sollte. Nachdem ich bei meinem letzten Gipfelversuch auf der Nordseite am eigenen Leib erfahren durfte, wie heftig der extrem kalte Wind um den Gipfel pfeift, entschied ich mich, meine Ausrüstung noch ein wenig zu verbessern. Auch Lisa empfahl mir eindringlich, mich so warm, wie nur irgendwie möglich anzuziehen, denn sie kennt den Berg, die Winde und die eisigen Temperaturen nur zu gut und sie war letztes Jahr dabei, als sich die Tragödie mit den fünf erfrorenen Bergsteigern ereignete. Ich erinnere mich noch gut an meine taub gefrorenen Hände und die stechenden arktischen Winde in meinem Gesicht, daher entschied ich mich für eine extra Paar Daunenfäustlinge, eine Daunenjacke eine Sturmhaube und eine zusätzliche Daunenjacke, damit ich überall drei Schichten habe, die mich vor Wind und Kälte schützen. Damit sollte es wohl doch klappen und ich somit in der Lage sein, den Elementen zu trotzen.

Alles klar, ich glaube ich bin nun gerüstet, um einen erneuten Besteigungsversuch zu starten. Die Südseite des Elbrus ist ehrlich gesagt nicht gerade ansehnlich. Es ist ein touristischer Skiort, voll mit Hotels, Restaurants, Liftanlagen und sonstigen Einrichtungen, die man in einem Skigebiet vermutet.



Es wird gerade alles umgebaut und erneuert, weshalb der Ort Azau einer einzigen Baustelle gleicht. Es besteht die Möglichkeit, mit mehreren Liften hinauf bis auf etwa 3500 Metern zu fahren. Ich denke einen kurzen Moment darüber nach, denn der Aufstieg wird extrem langweilig und monoton und da gerade eine neue Seilbahn gebaut wird, kommt es einem Spaziergang auf einer Baustelle gleich. Jedoch erinnern mich meine Beine daran, dass sie bereits wieder ungeduldig sind und dringend Auslauf benötigen, außerdem geht es gegen meinen Bergsteiger Stil und ich möchte gerne, soweit möglich, auf jegliche Infrastruktur am Berg verzichten.

Also stapfe ich die hässliche Baustelle hinauf und laufe querfeldein die Pisten hinauf. Es dauert nicht sehr lange, bis ich an der ersten Seilbahnstation vorbei komme. Anfangs ist es weiter unten noch warm im Sonnenlicht, aber es wird mit zunehmender Höhe sehr schnell kalt und einige Schneeflocken fallen bereits.

Nach etwa dreieinhalb monotonen Stunden den Berg hinauf gelange ich endlich zur Schneefallgrenze und betrete den Gletscher. Ab hier sind die Skipisten präpariert und ich steige die bereits platt gewalzten Pisten hinauf und sinke ab und zu etwas tiefer in den Schnee ein. Es beginnt langsam zu dämmern und die hohen Gipfel der umliegenden Berge hüllen die Südseite des Elbrus in eine arktische Kälte. Sobald das Sonnenlicht verschwindet, wird es bitterkalt und man ist bemüht, einen strammen Schritt aufrecht zu erhalten, damit man warm bleibt. Ich lasse die Mir-Liftstation auf 3700 Metern hinter mir und stapfe eine steile Anhöhe hinauf und sehe zu meiner rechten Seite die berühmten “Barrel Huts” auf 3850 Metern. Dabei handelt es sich um neun fassförmige Hütten aus Metallblech, die jeweils sechs Bergsteigern Unterkunft bieten und gerne als Camp genutzt werden. Das heißt, dass ich meine Tagesetappe für heute fast geschafft habe und Lisas Hütte zu meiner linken Seite irgendwo finden sollte. Dem Weg folgend steige ich noch ein wenig weiter hinauf und stehe zunächst vor der falschen Hütte. Mir wird bewusst, dass die Beschreibung nicht passt und ich dadurch auch keinen Schlüssel finden kann, also steige ich weiter auf, bis ich eine Hütte erreiche, die Lisas Beschreibung entspricht. Es windet mittlerweile sehr heftig und ich kühle langsam aus, es wird Zeit, dass ich hinein komme und mich aufwärmen kann, denn ich fange bereits an, vor Kälte zu zittern. Ich finde zugleich auch den hinterlegten Schlüssel, öffne die Türe zur Hütte und schließe sie sogleich wieder hinter mir.

Gott sei dank, endlich ein windgeschützter Bereich. Ich atme einmal kräftig durch, ziehe meine Schuhe aus und schlüpfe in die Hüttenschuhe, die vorbildlich auf der linken Seite des Eingangs aufgereiht sind.

Die Hütte ist komplett ausgekühlt und ich bebe immer noch am ganzen Körper vor Kälte. Ohne unnötig Zeit zu verlieren, suche ich den Sicherungskasten, schalte den Strom ein und schließe die Elektroheizung an, damit der Raum erwärmt wird.


Da es noch immer viel zu kalt ist, sehe ich mich noch nicht in der Hütte um, sondern krame meinen Gaskocher aus meinem Rucksack und beginne mir einen Tee zu kochen. Während der Gaskocher läuft und die Elektroheizung langsam anfängt zu arbeiten, sehe ich mich in der Hütte um und beginne mich häuslich einzurichten.

Meine Füße sind immer noch viel zu kalt in den Hüttenschuhen, weshalb ich mich dazu entscheide, meine ultrawarmen Schafswollhausschuhe anzuziehen, die ich von den Bauern auf dem Weg nach Naltschick geschenkt bekommen habe. Die machen wirklich einen enormen Unterschied, dennoch spüre ich durch die dicke Schafwolle, wie kalt der Boden ist und realisiere, dass es immer noch zu kalt ist. Also muss etwas Warmes zum Essen her. Nachdem ich den Gasherd in der Küche entdecke, mache ich mir endlich eine heiße Suppe und eine riesige Portion Nudeln mit Tomatensoße in der Hoffnung, dass mir dadurch warm wird. Nach und nach wirken alle Maßnahmen zusammen, ich sitze im Schneidersitz mit meinen dicken Hausschuhen auf der Holzbank, damit meine Füße den Boden nicht berühren müssen. Dabei kauere ich vor der Elektroheizung, trinke heißen Tee, schlürfe eine heiße Suppe und verdrücke eine ordentliche Portion Nudeln. All diese Maßnahmen in Summe helfen mir dabei, mich einigermaßen warm zu halten und die kalte Luft der Hütte wird langsam ein kleines bisschen “weniger kalt” und erträglicher. Auf einem Bücherregal entdecke ich einige verschiedene Bergsteiger Bücher, darunter auch die Geschichte von Josef Martin Bauer, “Unternehmen Elbrus” der damals 1942 bei der Elbrus Besteigung der Wehrmacht dabei war und aus erster Hand, sehr detailreich davon erzählt wie sie den Gipfel bestiegen, kurz, bevor die Kaukasische Front zusammenbrach.


Plötzlich entdecke ich ein weiteres Exemplar, das meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. 8000+ Aufbruch in die Todeszone von Ueli Steck.


Es handelt von den ersten 8000er Besteigungen des möglicherweise talentiertesten Bergsteigers, den unsere Zeit je gesehen hat. Die Nachricht von seinem Tod am 30. April 2017 am Nuptse schockierte mich damals bis ins Mark und ich kann immer noch nicht wirklich begreifen, dass einer der begnadetsten Bergsteiger der Menschheit ums Leben gekommen ist. Die Tatsache, dass Ueli Steck nicht mehr unter uns weilt lehrte mir ein weiteres Mal eine ordentliche Portion Demut, denn mir wurde Bewusst, dass sogar Bergsteiger, die 100 Mal besser sind als ich in den Bergen ums Leben kommen können, wenn sie permanent zu viel Risiko eingehen oder sich zur falschen Zeit ein Unglück am Berg ereignet. Er hält nach wie vor immer noch den Free Solo Speed Rekord für die Eiger Nordwand von 02:22:50, obwohl ihm Dani Arnold zwischenzeitlich kurz den Rekord abgenommen hatte und er sich daraufhin wieder zurück holte. Ebenso meisterte er als erster Solo-Bergsteiger die tödliche Annapurna (8091m) Südwand, welche er meiner Meinung nach zweifelsohne erfolgreich durchstieg und erhielt dafür 2014 zum zweiten Mal die Piolet d`Or. Am liebsten würde ich dieses Buch von Ueli Steck auf der Stelle durchlesen, aber ich muss heute früh ins Bett, denn ich habe mich dazu entschieden, morgen früh eine weitere Akklimatisierungstour zu starten, damit ich meine Chancen auf den Gipfel übermorgen erhöhen kann. In voller Montur und mit dicken Schafswollhausschuhen lege ich mich also in meinen Daunenschlafsack und bibbere ein kleines bisschen, bis mir endlich warm genug ist und ich etwas schlaf finden kann. Am nächsten Morgen mache ich mich auf den Weg zu den Pastukhova Felsen, um eine Höhe von etwa 4800 Metern zu erreichen, in der Hoffnung, dass ich top akklimatisiert für den Gipfelversuch am nächsten Tag bin.



Erneut spüre ich die eisige Kälte auf knapp 5000 Metern und mir wird bewusst, dass ich die zusätzliche Daunenjacke und Sturmhaube für den Aufstieg morgen definitiv brauchen werde, besonders, da ich bei Nacht loslaufen werde. Deshalb schaufele ich das Lager neben der Hütte frei, um an die zusätzliche Ausrüstung zu gelangen.

Nun sollte ich bestens für den Gipfel gerüstet sein! Ich beginne erneut mein Abendritual, zwei Liter Tee kochen, Essen, Sauerstoffgehalt und Puls messen, Wetter checken, soweit alles im grünen Bereich. Anschließend lese ich noch ein bisschen in Ueli Stecks Buch und kann kaum aufhören Kapitel um Kapitel zu lesen, denn er beschreibt seine Erfahrungen an den 8000ern sehr nachvollziehbar und ungeschönt, auch über das Scheitern selbst spricht er ganz offen, als gehöre es ganz natürlich zum Bergsteigen dazu. Um 20 Uhr liege ich komplett fertig und bereit in meinem Schlafsack in Gedanken an den morgigen Tag und die Herausforderung, die auf mich wartet.


03:30 Uhr morgens, mein Handywecker klingelt und es ist noch komplett dunkel. Ich lausche und höre einen heftigen Wind draußen pfeifen. “Oh Nein, nicht schon wieder", denke ich. “Soll ich noch liegen bleiben, bis es hell wird?” “Soll ich wieder die Augen zu machen und den Aufstieg verschieben?" Mein innerer Schweinehund spricht mit mir und nennt mir gute Gründe, warum es ratsam wäre, liegen zu bleiben. “Nichts Neues” denke ich mir, die Angst und die Zweifel sind normal, man muss sich immer wieder überwinden und motivieren. Ist der hohe, arktisch kalte, unbekannte Berg in der Dunkelheit mit seinen heftigen Winden da draußen angsteinflößend? Na klar! Habe ich Zweifel? Natürlich! Möchte ich mich in die Comfort Zone zurückziehen und im warmen Schlafsack liegen bleiben? Ja, auch das erscheint mir in diesem Moment angenehmer. “Aber es gibt keinen Grund, Angst zu haben, Norrdine, Du kannst das, Du bist erfahren genug, Du bist gut ausgerüstet und Du bist ein zäher Hund! Also raus mit dir und zeig aus welchem Holz du geschnitzt bist”. Ich knipse meine Stirnlampe an, bereite mein Frühstück zu und beginne damit mich anzuziehen. Idealerweise ein Dreischichtsystem angefangen bei den Beinen: dicke Merino Socken, lange Merino Unterwäsche, Schneehose mit integrierter Gamasche. Am Oberkörper ein Unterhemd, T-Shirt, Sweat-Shirt, Daunenjacke und darüber zuletzt die Hardshelljacke. Für die Hände auch drei Schichten, denn die Hände werden sehr schnell extrem kalt, daher Wollhandschuhe, Lederhandschuhe und darüber die Daunenfäustlinge. Am Kopf und fürs Gesicht die Sturmhaube, ein Stirnband und darüber die drei Kapuzen des Sweatshirts, der Daunenjacke und der Hardshelljacke. Nun die Steigeisenfesten Stiefel und dazu die Steigeisen festgeschnallt. Als nächstes noch die Skibrille und meine Stirnlampe aufgeschnallt. Im Inneren meiner Jacke den heißen Tee und ein ordentlicher Vorrat an Energieriegeln. Den Eispickel auf den Rücken geschnallt und die Skistöcke in beiden Händen. Nun kann es losgehen! Ich schließe die Tür der Hütte hinter mir und trete hinaus in die Dunkelheit, die Kälte und den erbarmungslosen Wind. Ich fühle mich, wie ein Astronaut, von Kopf bis Fuß in High-Tech-Equipment eingepackt und ich spüre, dass mir sofort warm wird, als ich durch den hohen Schnee in der Dunkelheit stapfe. Die Ausrüstung gibt mir ein solides Gefühl von Sicherheit, ja fast schon Unverwundbarkeit. Ich spüre keine Kälte, ganz im Gegenteil, es ist sogar sehr warm, vielleicht sogar zu warm. Ich muss die Sturmhaube hinunterziehen, denn es ist viel zu warm und ich bekomme schlecht Luft. Ich darf mich nicht zu schnell bewegen, damit ich nicht schwitze und nass werde. Mein Sichtfeld ist extrem eingeschränkt, aber ich kann die Brille nicht abnehmen, da der Wind heftig von Westen bläst. “Nun gut, dann lass uns mal einen ordentlichen Rhythmus finden und sehen, ob es bei diesem Wind heute möglich ist, den Gipfel zu erreichen." Ich fühle mich gut akklimatisiert und recht stark, ich bin jedoch ein kleines Bisschen erkältet vom letzten Gipfelversuch und spüre, dass ich immer wieder husten muss und meine Lunge nicht zu 100% leistungsfähig ist. Wie eine Maschine setze ich einen Fuß vor den anderen und ramme zur Unterstützung meine Skistöcke in den Boden. “Diesmal gilts Norrdine, das ist der Moment, du hast heute eine reale Chance auf den Gipfel." Mit meinem extrem eingeschränkten Sichtfeld in der Dunkelheit und dem kleinen tanzenden Lichtkegel meiner Stirnlampe vor mir, der nur einen winzig kleinen Teil preisgibt, arbeite ich mich stetig durch den Tiefschnee den Hang hinauf. In diesem Moment ist die Welt um mich herum ganz klein und von völliger Dunkelheit umhüllt, denn ich bin nur auf diesen Bereich vor mir fokussiert und hoch konzentriert, keine Fehler zu machen und einen Schritt vor den anderen zu setzen. Ab und zu nehme ich den Kopf hoch und schaue mich in der Dunkelheit um, ob ich noch auf dem richtigen Weg bin. Was denkt man in so einem Moment, fragt ihr euch? Nun, man ist im totalen Fokus und bei der Sache selbst. Es gibt kein Gestern und kein Morgen, Vergangenheit und Zukunft sind völlig irrelevant, fast schon nonexistent, denn alles, was zählt, ist dieser Moment, die Gegenwart, das hier und jetzt ist entscheidend und verlangt die gesamte Aufmerksamkeit. Ich scanne die Umgebung, alle Signale im Äußeren, wie im Inneren. Wo muss ich lang, wie ist der Weg, wo lauern Gefahren oder Abhänge? Wenn es ein Spaltengebiet ist (in dem Fall war es das nicht), wo erkenne ich Anzeichen von Spalten und wie verlaufen sie? Wie fühle ich mich, ist mir kalt, wie ist der Wind, sind meine Beine und meine Lunge stark, fühle ich mich generell gut? Es ist ein kompletter allgegenwärtiger Systemcheck. Man nimmt zwar das Knirschen des Schnees wahr und hört den Wind pfeifen, aber es rückt erst dann in den Fokus, sobald es bedrohlich zu sein scheint Ich kann euch jedenfalls sagen, dass man extrem fokussiert ist und es ein leicht bedrohliches Gefühl ist. Man ist alleine auf einem riesigen eisigen Berg mitten in der Dunkelheit bei tödlicher Kälte und heftigen Winden. Die Gefahr und die Lebensfeindlichkeit der Umgebung fühlt sich sehr real an, man spürt förmlich, wie einem die Umgebung nach dem Leben trachtet und man kann es kaum erwarten, wenn der Morgen graut, gleichzeitig will man aber auch nicht zu langsam sein. Es ist eine sternenklare und klirrend kalte Nacht, der Wind schlägt heftig wie Peitschenhiebe gegen mich und ich kann die Silhouette des Elbrus nur minimal und schemenhaft im halb erleuchteten Mondlicht erkennen. Ich fühle mich gut und mein innerer Dialog ist von Respekt und Zuversicht geprägt. “Immer weiter, einen Schritt vor den anderen, so wird in Summe ein Erfolg daraus”. Ich lasse die 5000 Meter Marke hinter mir und steige nun eine äußerst steile und kerzengerade Sektion hinauf. Der anfangs noch weiche Schnee, in dem ich zuvor noch eingesunken bin, ist nun hart gefrorener Firn und die Oberfläche knirscht unter meinen Steigeisen. Ein gutes vertrauenerweckendes Geräusch, denn auf diesem Untergrund habe ich einen guten Halt und komme gut voran. Der Anstieg wird immer steiler, ich blicke kurz nach Rechts in Richtung Osten und bemerke, dass die Morgendämmerung langsam aber sicher im Begriff ist die tiefdunkle und rabenschwarze Nacht abzulösen. Die Sterne funkeln noch stark, der Halbmond leuchtet kräftig über mir, der Himmel färbt sich im morgendlichen Indigoblau und am Horizont erscheinen die ersten orangenen Strahlen der aufgehenden Sonne. Plötzlich bläst der Wind extrem heftig und ich habe Mühe dagegen zu halten. Ich bleibe kurz stehen, lehne meinen Oberkörper nach vorne gegen den Wind und stütze mich dabei auf meine beiden Skistöcke, um dem Wind zu trotzen. “Bei dieser Böe weiter zu laufen, wäre Energieverschwendung”, denke ich mir und harre aus. Als der Wind nachlässt, steige ich weiter hinauf, während die Sonne im Osten, die Nacht gen Westen hin über den Horizont verjagt. Nach einer gefühlten Ewigkeit den schnurgeraden und steilen Anstieg hinauf gelange ich an eine komplett im Schnee versunkene Pistenraupe. Lediglich die letzten paar Zentimeter des roten Daches stehen noch aus dem Schnee heraus. Sie wird wohl eines Tages im ewigen Eis verschwinden und vergessen werden. Der Anstieg macht eine Biegung nach links in Richtung Westen und ich quere nun entlang der steilen Flanke des Ostgipfels, um hinüber in den Sattel zu gelangen. Ich muss mich nun seitwärts am steilen und teilweise vereisten Abhang bewegen, weshalb ich zur Sicherheit meinen rechten Skistock durch den Eispickel ersetze, damit ich mich im Falle eines Falles auf die Spitze meines Pickels fallen lassen kann und somit den Sturz bremse, denn ein ungebremster Sturz auf der vereisten Oberfläche wäre fatal und ich wüsste nicht, wann und wie ich gebremst würde. In der linken Hand zur abfallenden Seite den längeren Skistock und in der rechten Hand zwischen Mittelfinger und Ringfinger den Eispickel, den ich bei jedem Schritt in den Boden ramme.

So arbeite ich mich seitwärts den steilen Querhang entlang und muss immer wieder stehen bleiben und mich gegen den heftigen arktischen Wind lehnen. Eine gefühlte Ewigkeit steige ich den steilen Hang quer hinauf und frage mich, wann der Sattel endlich erreicht ist. Mittlerweile ist es komplett hell geworden und die Sonne steht bereits kräftig am klaren blauen Himmel, der Wind ist extrem stark bei etwa 70-80km/h und erschwert mir den Aufstieg extrem.