Von der Kemptner Hütte zur Memminger Hütte! E5 Alpenüberquerung 2. Etappe!

Aktualisiert: 25. Sept.


Morgens um 07:30 Uhr klingelt mein Wecker an diesem Freitag den zweiten September und ich liege noch im schön aufgewärmten Schlafsack. Ich spüre noch ein wenig die Müdigkeit und Erschöpfung vom Vortag und entscheide mich noch eine halbe Stunde in der Wärme liegen zu bleiben und vor mich hin zu dösen. Draußen vor dem Zelt höre ich bereits , wie ein wenig unterhalb meines Zelt Schlafplatzes die ersten Wanderer von der Kemptner Hütte die Scharte hinaufkommen. Wir befinden uns hier oben übrigens direkt auf der grünen Grenze zwischen Deutschland und Österreich. Ich höre die Schritte und die Unterhaltungen und kann anhand der Gespräche vernehmen, dass einige wenige den Blick nach oben richten und meinen absolut genialen Zeltplatz bemerken. “Ah, sieh mal! Da hat der Typ mit dem Riesenrucksack sein Zelt heute Nacht aufgestellt!”. Nach einer halben Stunde in der wohligen Wärme entschließe ich mich endlich dazu aus dem Schlafsack zu kriechen und ziehe mich an. Ich ziehe den Reißverschluss des Innenzelts und des Vorzeltes auf und begrüße den wundervollen neuen Morgen.

Ein wolkenloser, strahlend blauer Himmel begrüßt mich und die kräftig scheinende Sonne, die gerade erst über die Felswand im Osten gekommen ist, scheint mir in mein verschlafenes Gesicht.

Nichts mehr zu sehen vom Nebel, der abends zuvor den Sattel bedeckt hatte.

Nun ist der Blick hinab ins Lechtal frei. Einige Wanderer entdecken mich oberhalb des Sattels und begrüßen mich mit einem herzlichen “Guten Morgen”! Ich esse eine Kleinigkeit, nehme meine B12+K2+D3+B2 Vitamine zu mir und beginne mein Zelt abzubauen, während ich diesmal meine Ausrüstung etwas cleverer zusammenpacke, damit ich beim nächsten Mal die einzelnen Gegenstände schneller finde und der nächste Zeltaufbau schneller abläuft. Ich brauche dementsprechend etwas länger als erwartet, aber womöglich ist das nur am Anfang so, bis die Routine einmal einsetzt.

Zuletzt putze ich im immer wärmer werdenden Sonnenlicht meine Zähne und beginne den Abstieg von der Scharte hinunter ins nächste Tal in Österreich nach Holzgau. Da ich nun etwas später als alle anderen unterwegs bin ist nun nicht mehr sonderlich viel los auf dem Weg hinab und ich gewöhne mich spürbar and meinen Rucksack und den Einsatz der Stöcke, die ich normalerweise nie auf “normalen Bergtouren” verwende, sondern nur im Schnee und Eis, bzw. bei Gletscherkontakt. An dieser Stelle sollte ich wohl meine Dankbarkeit an meine belastbaren Knie, Knöchel und Bänder zum Ausdruck bringen, die mich, “Klopf auf Holz” noch nie im Stich gelassen oder mir Probleme bereitet haben.

Nach einer Weile habe ich wieder Empfang. “Ach ja klar denke ich mir, ich bin ja jetzt in Österreich und nicht mehr in Deutschland” scherze ich vor mich hin und nutze die Gelegenheit, mich bei meinen Liebsten zu melden, die seit gestern Mittag nichts mehr von mir gehört haben und steige weiter ab. Plötzlich fällt mir auf, dass ich meine Sony Alpha 6300 Kamera , die ich immer um den Hals, bzw. die Schulter trage, nicht mehr bei mir habe und wohl irgendwo liegen gelassen haben muss. Ich dachte mir gestern noch, als ich die Kamera immer wieder abgelegt und umgehängt habe, dass es wohl nur eine Frage der Zeit sein muss, bis ich Sie einmal liegen lasse. Ich lege schnell meinen Rucksack ab und stürme mit großen Sprüngen den Pfad wieder hinauf, als mir nach einem kurzen Stück ein Wanderer entgegenkommt und mich fragt, ob ich eine Kamera vergessen hätte. Er reicht mir meine Sony Alpha, die ich ein Stück oben weiter liegen lassen habe und ich bedanke mich total erleichtert vielmals bei dem ehrlichen Finder. Wir unterhalten uns ein wenig und steigen ein kurzes Stück gemeinsam ab.

Der Abstieg nach Holzgau ist wunderschön. Der klare blaue Himmel berührt die gezackten grauen Felswände, die an manchen Stellen in grasbedeckte hellgrüne Hänge übergehen an anderen Stellen ist es die Kombination aus dunkelgrünen Wäldern, die ein kontrastreiches und intensives Farbenspiel bilden.

Anschließend komme ich in ein kleines schattiges Waldstück und bin somit ein wenig von der warmen Sonne, die inzwischen ziemlich kräftig ihre Sonnenstrahlen ins Tal hinab schickt, geschützt.

Ich genieße diesen Abstieg sehr, denn er ist außerordentlich abwechslungsreich, wunderschön, das Wetter ist perfekt, der Rucksack schiebt mich quasi ohne Anstrengung hinunter und ich fühle mich großartig. Auf dem Weg nach unten finden sich mehrere Alpen am Wegesrand und es kommen mir nun etwas weiter unten immer mehr ältere Wanderer bzw. Tagesausflügler entgegen, die das herrliche Wetter nutzen, um einen entspannten Spaziergang in den Bergen zu genießen oder mit ihren Hunden spazieren zu gehen.

Der Pfad führt einen entlang am Roßgumpenbach, der ab dem Simmswasserfall anschließend in den Höhenbach übergeht. Ich überquere den Bach einige Male und schaue den Weidetieren beim Grasen zu. Von überall hört man nun das klimpern der Kuhglocken zwischen den weitläufigen Hängen.


Weiter unten am Fluss treffe ich zum ersten Mal Nicklas und Hannah, die gerade eine kurze Pause einlegen und sich eine kleiner Erfrischung im kalten Gebirgswasser gönnen. Wir werden uns die nächsten Tage noch viele, viele Male begegnen!

Nun teilt sich das letzte Stück nach Holzgau in zwei verschiedene Wege auf und ich habe die Wahl. Entweder über die Hängebrücke in ca. 1h 15 Minuten oder entlang des Wasserfalls in ca. 1h abzusteigen. Ich entscheide mich für letzteres und bewege mich in Richtung Wasserfall die Schlucht entlang.

Hier wurde sogar ein Klettersteig entlang der Felsen und über den Wasserfall hinüber installiert. Im Nachhinein erfahre ich, dass dieser Wasserfall wohl künstlich angelegt wurde.

Der Weg nach dem Wasserfall hinab in die Schlucht ist sehr, sehr steil und aus solidem Gestein. Ich steige weiter ab und bemerke plötzlich, dass ich ein wenig hungrig werde. Also krame ich zwei Müsliriegel aus meiner Tasche und verputze einmal einen mit Cranberry- und einen anderen mit Blueberry Geschmack, während ich weiter vor mich hin laufe. Man verliert zügig an Höhe, bis der Pfad allmählich in Schotter übergeht und langsam so weit abflacht, bis der Pfad nahezu eben ist.

Ich schreite eine große Linksbiegung entlang und entdecke über mir plötzlich eine lange Hängebrücke, welche die nun größer gewordene Wasserführende Schlucht überspannt. Das wäre die zweite Option gewesen, die man ebenfalls auf dem Weg nach Holzgau überqueren kann.

Ein kurzes Stück weiter erblicke ich die ersten Häuser und Dächer der kleinen Ortschaft Holzgau.

Es herrscht nahezu völlige Stille im Tal. Ich höre lediglich vereinzelt ein metallisches Schlaggeräusch durch die Ortschaft schallen. Es hört sich an, als würde jemand in einem Steinbruch arbeiten oder ein Steinmetz einen großen Steinblock bearbeiten. Irgendwie vermittelt mir dieses Geräusch, als wäre ich Jahrzehnte in die Vergangenheit versetzt worden. Als ich dem Geräusch näher komme, sehe ich, wie ein in die Jahre gekommener kräftiger Mann unter vollem Schweißeinsatz in der prallen Sonne einen Metallkeil durch einen abgesägten Holzstamm treibt. Ja.. der nächste Winter kommt bestimmt! Ein Stück weiter hinab, komme ich endlich im Zentrum des kleinen Örtchens Holzgau an und sehe bereits mehrere Leute vor dem Gasthof zum Bären sitzen, eine Kleinigkeit essen, für die trockenen Kehlen und angestrengten Körper etwas trinken oder einfach nur auf den Bus, um zum nächsten Ausgangspunkt hinauf zur Memminger Hütte zu gelangen warten.

Ich werde natürlich wieder wegen meines überdimensionierten Rucksacks angesprochen, als ich mich dem Gasthof nähere. Es handelt sich dabei um eine große E5 Wandergruppe namens “50+”, die von zwei erfahrenen alten Hasen, die den Weg über den E5 in und auswendig kennen, geführt wird. Natürlich kommen wir alle miteinander ins Gespräch und ich erzähle der Gruppe von meinem Plan, die Welt in den nächsten beiden Jahren zu umrunden. Die Gruppe mit offensichtlich viel Lebenserfahrung ist hellauf begeistert und bestätigt mir, dass ich genau das richtige mache und das nach ihrer Auffassung zur perfekten Zeit bzw. in einem perfekten Alter. Ich denke darüber im Anschluss noch viel nach, da ich mir manchmal einredete, dass ich diese Reise vielleicht früher im Leben und nicht mit 34 fast 35 Jahren hätte beginnen sollen. Aber womöglich haben Sie Recht. Jetzt kann ich die Reise vielleicht ganz anders genießen und wahrnehmen, als ich es beispielsweise mit Mitte 20 getan hätte, denn mein Blick und meine Erwartungshaltung wären damals vielleicht eine ganz andere, möglicherweise getriebene gewesen. Ich werde in den kommenden Tagen darüber noch so einige Male nachdenken und sinnieren.Nach der längeren und gemeinsamen Unterhaltung mit der “50+ E5 Alpenüberquerer” Gruppe, machen wir noch ein gemeinsames Gruppenfoto zusammen!

Anschließend tauschen wir gemeinsam die Kontakte aus und ich verabschiede mich von der herzlichen Gruppe, die mir das Beste für meine Zukunft wünscht.

Um zu dem Ausgangspunkt für den weiteren Aufstieg zur Memminger Hütte zu gelangen, sind es ca. 20km über die Teerstraße das Tal entlang. Auf der Karte gelb markiert. Wie die meisten E5 Überquerer entscheide ich mich dafür, diesen unspektakulären Teil mit dem Bus, bzw. Shuttle zurückzulegen, um meine Ressourcen und Kräfte zu schonen und damit ich vor Einbruch der Dunkelheit oben an der Hütte ankomme, da ich zeitlich ein klein wenig hinter dem Tagessoll zurückliege. Ich treffe bei der Fahrt wieder auf Nicklas und Hannah und wir fahren gemeinsam zum Ausgangspunkt in Richtung Memminger Hütte.

Der Aufstieg wird erneut 2 ½ Stunden in Anspruch nehmen und man steigt dabei über 6 km von ca 1470 hm auf 2250 hm. Ok, also los gehts! Ich kämpfe mich den steilen Weg hinauf und gerate mal wieder voller Übereifer ziemlich ordentlich ins Schwitzen.


Ich weiß ich erwähne es sehr oft... ich weiß, aber der Rucksack ist einfach sauschwer und ich überlege, ob das denn so nötig gewesen wäre. Das Gewicht meine ich natürlich.

Immer steiler aufwärts durch das Gestrüpp wird das Gelände nach dem steilen Anstieg sehr offen, als auch flacher und ein großer breiter Wasserfall stürzt von einer Felsformation hinab in dieses weitläufige Gebiet.

Am Wegrand sitzt ein Mädchen mit ihren Begleitern und weint und schluchzt vor sich hin. Ich frage ihre Begleiter, ob alles in Ordnung sei. Sie signalisieren mir, dass ihr nichts fehlt. Womöglich ist sie am Ende ihrer Kräfte oder fühlt sich zum Aufgeben gezwungen. Ich erfrage den Grund nicht, wünsche der Gruppe das Beste und gehe weiter. Man überquert den Fluss über eine Überführung aus Metall und bahnt sich anschließend, linkerhand des Wasserfalls, über mehrere steil aufwärts führende Serpentinen den Weg weiter nach oben. Beim Aufsteigen entlang der Serpentinen und Kehrungen kommt man dem Wasserfall immer näher, bis man kaum noch etwas anderes als das herabstürzende Wasser hören kann und man dabei die kühle Luft spürt, die ins Tal hinab gezogen wird. Endlich oberhalb des Wasserfalls angekommen, steigt der Pfad erneut lang gezogen und stetig ein allerletztes Mal an, bis man an eine letzte kleine Kuppe gelangt. Sobald diese überstiegen ist, eröffnet sich mir plötzlich eine riesige, äußerst weitläufige und flache Ebene oder Kessel und inmitten dieser Ebene erblicke ich leicht erhöht die Memminger Hütte! Endlich geschafft!


Ich nehme diesen wundervollen Anblick in mich auf und begebe mich auf direktem Wege den lang gezogenen Pfad zur Hütte.


Dort vor der Hütte stehen zwei bärtige Jungs namens Tommy und Steffen und schauen mir dabei zu, wie ich die letzten Meter hinauf zur Hütte steige. Sie lachen mich an und sagen: “alle Achtung mit dem schweren Gepäck hier rauf zu kommen”. Tommy und ich unterhalten uns kurz und stellen überrascht fest, dass er und meine Mam beide aus Zwickau kommen. Ich albere gleich ein wenig rum und gebe meinen Sächsischen Dialekt zum Besten. Wir amüsieren uns ein wenig darüber und tauschen ein paar Geschichten aus. Nach ca. 10 Minuten ziehe ich jedoch weiter, denn ich habe gehört, hinter der Hütte gibt es einen See, an dem ich womöglich einen schönen geeigneten Schlafplatz finden könnte. Also nichts wie hin! Und da erblicke ich den See auch schon. Wunderschön liegt der da in diesem großen Talkessel.

Ich verliere keine Zeit und beginne sofort damit mein Zelt aufzustellen, denn es beginnt gerade leicht zu regnen und ich möchte vermeiden, dass nicht alles nass wird. Diesmal geht es recht zügig, da ich, wie erwähnt, am Morgen gleich alles so auseinander gebaut und verpackt hatte, dass es diesmal ziemlich schnell geht. Nach getaner Arbeit, schnappe ich mir meine Regenjacke und springe nochmal hinüber zum See, um ein paar tolle Bilder zu schießen.


Das sanfte Hellblau des Wassers, ja der fast schon türkisfarbene See lässt mich träumen und meine Gedanken schweifen über die Wasserfläche hinweg ab. Während mein abwesender Blick da so über das Wasser gleitet, entdecke ich plötzlich auf der anderen Seite des Ufers eine große Steinbockherde von ca. 20 Tieren um den See rennen.

Ich beobachte das Schauspiel und bemerke weiter zur linken, im nun stärker werdenden Regen eine weitere Gruppe mit großen majestätischen Hörnern auf einem Hügel sitzen. Ich nähere mich vorsichtig, um sie nicht zu verschrecken und schieße ein paar tolle Bilder von diesen faszinierenden Wesen.

Im Augenwinkel fallen mir auch noch ein paar Murmeltiere auf, die von Erdloch zu Erdloch rennen und ihr ganz eigenes Ding machen. Nach ein paar Schnappschüssen packe ich die Kamera weg und springe zurück zu meinem Zelt. Ich sage, springen, denn ich fühle mich federleicht ohne meinen Rucksack, als hätte ich mit einem blei schweren Panzer beim Herr der Schildkröten trainiert. Es ist jetzt ca. 19 Uhr und ich sitze nun im trockenen Zelt und bereite mein Abendessen vor. Da ich plötzlich extrem müde bin, entscheide ich mich früh schlafen zu gehen und krieche in meinen superweichen Schlafsack auf meiner luftgefüllten Isomatte. Der Regen draußen wird nun heftiger und prasselt laut auf mein Zelt herab. Ich hoffe, dass ich für die Nacht trocken bleibe und nicht irgendwann in einer Pfütze aufwache. Ich sollte jedoch meinen Zeltplatz so gewählt haben, dass dies nicht passieren kann. Ich schließe langsam unter Regengeräuschen die Augen und höre in der Ferne ein dumpfes Knallen. Das müssen wohl die Steinböcke im Zweikampf mit ihren großen Hörnern sein. Ich sinke kaum noch anwesend in einen tiefen langen Schlaf und bin gespannt, wie dieser wunderschöne Pfad über die Alpen weiter geht!


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