Warum möchten die Briten Europa verlassen?

Aktualisiert: 22. Juli 2019

Als erstes Ziel meiner Reise durch Europa wähle ich den Scafell Pike in England (978 m). Warum starte ich ausgerechnet hier? Sind denn nicht die Engländer die Europa Pessimisten des Kontinents? Ja, wahrscheinlich und genau deshalb ist es mir so wichtig, besonders hier genau zuzuhören um zu erfahren, warum man sich von dieser tollen Grundidee namens "Europa" verabschieden möchte.

Also mache ich mich am 22. Mai 2019 auf den Weg. Mit meinem roten Volkswagen T4 fahre ich von Brüssel nach Dünkirchen (Dunkerque), um von dort die Fähre rüber nach Dover zu nehmen.

Fähre von Dünkirchen nach Dover

Entgegen meinen Erwartungen findet eine komplette Grenzkontrolle für mich statt. Das heißt meine Personalien, Ausweis und meine Fahrzeugpapiere wurden kontrolliert. Mein Auto wird daraufhin ebenfalls genauer unter die Lupe genommen. Mir war nicht bewusst, dass innereuropäisch solche gründlichen Kontrollen durchgeführt werden. Ich nehme jedoch an, dass man dies aufgrund des bevorstehenden Brexits und der diskriminierenden Haltung Flüchtlingen gegenüber für notwendig erachtet.

Es ist noch sehr früh am morgen und ich habe das Glück den Sonnenaufgang während der Überfahrt einzufangen. Nach weniger als zwei Stunden erscheinen auch schon die weißen Klippen von Dover (White Cliffs of Dover) am Horizont....

Die weißen Klippen von Dover

Die Anziehungskraft, die von diesen Klippen ausgeht ist magisch und unbeschreiblich zugleich. Kein Wunder, dass diese atemberaubende Kulisse der Schauplatz vieler legendärer Filme und Blockbuster war und immer noch ist. Im Osten erkenne ich sogar in der Ferne die großen Offshore Windparks. Ich bin zwar extrem müde und hätte die Zeit während der Überfahrt nutzen sollen, um mir etwas Schlaf zu gönnen, doch zu allen Seiten hin bietet sich mir ein wunderbarer Anblick und ich möchte den Moment einfach in mich aufsaugen. Auf der anderen Seite angekommen darf ich mich gleich an den "Linksverkehr" gewöhnen. Zahlreiche Straßenschilder weisen darauf hin "drive left". Ich kann mir vorstellen, dass die Gewohnheit des Menschen leicht dazu verleitet dies zu vergessen. Besonders Abbiegemanöver können für "Rechtsfahrer" trickreich erscheinen. Nach einer Stunde, ca. auf einer Höhe zu London, entscheide ich mich dazu Rast zu machen, um etwas Schlaf nachzuholen. Auch hier erinnern wieder viele Straßenschilder daran "tiredness kills", also nehme ich diese Warnung ernst und gönne mir eine Mütze Schlaf.


Windermere Lake District

Nach ca. sieben Stunden Fahrt Richtung Norden erreiche ich endlich mein Ziel. Ich befinde mich zwischen Windermere und Ambleside im wunderschönen Lake district im Norden Englands. Ich mache mir ein wenig Sorgen, da ich mich im Vorfeld nicht um einen Partner für den höchsten Berg Englands gekümmert habe, sondern darauf vertraue, dass die Dinge einfach im Fluss kommen, wie sie kommen mögen.


Ok Gletscherbille beim Auto fahren ist etwas Overkill...

Ich nehme also meinen ganzen Mut zusammen (mir fällt es manchmal schwer andere Menschen um einen Gefallen zu bitten) und gehe in das erste Hostel das ich finde und frage jemanden an der Rezeption, ob er jemanden kennt, oder ob ihm jemand einfällt, der Lust hat bei meinem Projekt mitzuwirken. Zu meiner Überraschung ist meine erste Anfrage gleich ein Volltreffer! Als ich Robert an der Rezeption von meinem Projekt erzählte, schoss seine Hand in die Höhe und er rief "ICH! ICH BIN DABEI!" Wahnsinn! Damit hatte ich nicht gerechnet... "das ging ja einfach" dachte ich mir und erneut wurde meine spontane Eigenart belohnt.... (Ich werde euch von dieser zweischneidigen Eigenart in naher Zukunft berichten, die einen großen Teil meiner Persönlichkeit ausmacht und wie dadurch mein Leben immer wieder positiv, als auch negativ beeinflusst wird und ich dadurch manchmal unbewusster Weise meine Mitmenschen in Mitleidenschaft ziehe...)

Elektroinstallation meines 100W PV Moduls

Robert und ich halten als Termin den nächsten Dienstag fest, da er natürlich an seine Arbeitszeiten im Hostel gebunden ist. Ich nutze die Zeit, um meine Photovoltaik Anlage in meinem VW Bus anzuschließen.... Ich langweile euch an dieser Stelle mal nicht mit technischen Details... Wer sich dafür interessiert, kann mir einfach eine Nachricht schicken :D Nun kann ich zumindest jederzeit meine elektrischen Geräte laden und bin nicht ständig auf irgendwelche Unterkünfte angewiesen, um von unterwegs zu arbeiten. Hoffentlich spielt das Wetter in England mit und es regnet nicht so viel, damit sich meine PV Anlage auch lohnt, denk ich mir. Ihr könnt euch sicher vorstellen, wie das Wetter in England so ist :P



Endlich der Dienstag ist gekommen!

Hiking for Europe, Scafell Pike, England

In den Alpen bin ich es gewohnt spätestens morgens um 06:00 Uhr zu starten... Rob dachte da eher so an 09:00 Uhr... Na gut, denk ich mir... ist wohl hier nicht nötig früh zu starten und gleichzeitig muss er aber um 15:00 Uhr wieder zurück sein, da dann seine Schicht beginnt. Ich bin anscheinend nicht der Einzige mit einer über optimistischen Zeitplanung :D

Während wir uns also auf den Weg zu Englands höchsten Punkt machen, frägt mich Rob, warum ich die Idee für das Projekt hatte und wie ich damit angefangen habe.

Ich erzähle ihm ein wenig von mir, wie ich als Key Account Manager im Messebau arbeitete und, dass mein Alltag hauptsächlich aus Arbeiten, Essen und Schlafen bestand und, dass meine Lebensqualität und Freizeitgestaltung immer weiter gegen Null ging. Ich erzählte ihm, dass ich daraufhin im Mai 2018 meinen Job kündigte und mich dazu entschied das zu tun wofür mein Herz schlägt. Das Bergsteigen. Mir wurde jedoch sehr schnell bewusst, dass das Bergsteigen an sich und das Erstürmen eines Gipfels nach dem anderen, die Gefahr eines Egotrips in sich birgt. Mir war von Anfang an klar, dass ich die ungeheure Anziehungskraft des Bergsteigens in etwas sinnstiftendes lenken möchte. Parallel dazu, jedoch noch unbewusst beschäftigten mich die Fliehkräfte, die derzeit an Europa zerren immer mehr.

Gedanken auf dem Scafell Pike

Tagtäglich kann man beobachten, wie die linken und rechten Ränder immer stärker an Europa zerren und die fragile Gemeinschaft und der damit so selbstverständliche innereuropäische Frieden in akuter Gefahr sind. So zumindest meine (verkürzte) Wahrnehmung der Geschehnisse. Und ich bin ein Teil dessen, mit meiner Untätigkeit... Genauso waren viele unserer deutschen Vorfahren ein Teil der grausamen deutschen Geschichte... auch, wenn Sie "nur" weggesehen haben... Eines Tages werden mich meine Kinder, Enkel oder spätere Generationen fragen: "wie hast du das erlebt?", "war dir das bewusst?", "was hast du getan?" und gleichzeitig denke ich mir: "Ich liebe dieses freizügige Europa", Die Möglichkeit die Wahl zu haben, mich überall nieder zu lassen und mein Glück zu versuchen, wo immer ich auch möchte. Ich mit meinem deutschen Reisepass, ein goldenes Ticket zur Welt... ja ich bin wahrlich privilegiert und ich denke es ist meine Pflicht, da ich nur zufällig und ohne mein Zutun privilegiert bin, mich dafür einzusetzen, dass diese tolle "Idee" Europa nicht von Furcht, Ignoranz und Unverständnis zerstört wird. Ok... das war jetzt vielleicht ein bisschen zu sehr abgeschweift an dieser Stelle... Aber das Thema ist mir einfach viel zu wichtig, um es nur beiläufig zu erwähnen. Rob und Ich stimmen uns diesbezüglich in vielen Punkten überein, er versteht genauso wenig die protektionistische Haltung einzelner Nationen und warum man so sehr auf seine Souveränität bestehen muss. Zusammenfassend war mein Eindruck, dass Rob der Meinung ist, dass es auf der Welt weitaus wichtiger Dinge, als den Brexit oder politische Spielereien gibt, dass zahlreiche Politiker einfach nicht ernst genommen werden können und sie ihr Vertrauen in der Bevölkerung längst für eigene Machtinteressen und Karrieremöglichkeiten verkauft haben, damit keinerlei Authentizität besitzen und wohl kaum als repräsentative Volksvertreter angesehen werden können. Ich habe das Gefühl, dass er und viele andere Engländer und Briten das Thema Brexit leid sind. Sie haben das Gefühl, dass ihnen nur Lügen aufgetischt werden und, dass niemand so recht abschätzen kann, welche realistischen Folgen für alle Beteiligten entstehen werden. Die Menschen in England scheinen dem Thema absolut überdrüssig und sie wünschen sich einfach nur noch ein Ende der Diskussionen, egal welches Ende, Hauptsache ein Ende, damit endlich wieder regiert werden kann, und die wahren Probleme des Landes gelöst werden können.

Das ist in meiner Wahrnehmung der Grundton aller Gespräche, die ich mit den Menschen in England führen durfte. Darunter gab es natürlich Pro und Kontra Stimmen und viele dieser Stimmen verrieten mir auch, dass England nicht gerne fremdbestimmt wird. Das stolze Empire trifft gerne selbst alle Entscheidungen und möchte sich ungern eine Politik aus Brüssel diktieren lassen. Und zu ihrer Verteidigung muss man zumindest festhalten, dass einige politische Entscheidungen der EU nicht gerade förderlich für das Image und die öffentliche Wahrnehmung waren. Man könnte fast sagen, dass es Euroskeptiker gibt, liegt auch zu einem großen Teil daran, dass in der Vergangenheit einfach katastrophale Fehler auf politischer Ebene begangen wurden.


Zusammenfassend würde ich unseren Konsens wie folgt beschreiben:


"Die Idee Europa ist großartig, die Umsetzung jedoch in Teilen mangelhaft"



Auf YouTube findet ihr dazu ein Video auf meinem Kanal!



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