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Geheimnisse in der Stadt des Sultans! Der letzte Teil des Istanbul-Blogs.


Heute möchte ich euch erneut mitnehmen, während ich die Stadt Istanbul weiter erkunde und ich möchte euch zeigen, wie mein Alltag in dieser 25 Millionen Metropole so aussieht, wenn ich nicht gerade Sehenswürdigkeiten besichtige oder besondere Orte aufsuche! Aber zunächst habe ich zwei kleine Videos dazu für euch!


Ich überquere, wie fast jeden Tag die Galata Brücke, um das goldene Horn zu überqueren und suche mir erst einmal einen Ort zum frühstücken, denn in den Restaurants unterhalb der Brücke bin ich leider nicht fündig geworden bzw. habe nichts gesehen, was meinem Appetit an diesem Tag entspricht. Auf der anderen Seite der Brücke, in der Nähe des Flusses, besuche ich ein kleines Lokal, in dem ich öfter frühstücke oder mir einen Tee gönne. Ich mag dieses Lokal, denn die Mitarbeiter sind sehr freundlich und erkennen mich jeden Morgen, wenn ich vorbei komme, außerdem steht ein Baum mitten im Außenbereich und die Überdachung wurde drum herum gebaut. Ich begrüße den Kellner und den Koch hinter dem Grill und suche mir ein gemütliches Plätzchen neben dem Baum. Ich bestelle mir eine Pfanne Menemen, ein typisch türkisches Frühstück, das gerne im Sommer gegessen wird, bestehend aus Rührei, Zwiebeln, grüne Paprika, Tomaten und Peperoni. Dazu einige Gewürze wie schwarzer und roter Pfeffer, als auch Salz, Pul Biber und Paprikapulver.

Dazu gönne ich mir wie so oft einen türkischen Tee aus diesen wundervoll geschwungenen Teegläsern.

Während ich an diesem Morgen so da sitze und meinem morgendlichen Podcast lausche beobachte ich die Menschen, die hier leben und arbeiten und schaue hinaus zum Bosporus, wo die Fähren permanent an- und ablegen und die Anwohner in alle Winkel der Stadt über den Wasserweg transportieren. Die Sonne scheint kräftig und warm, aber es geht bereits ein kühler Wind, der einen unmissverständlich daran erinnert, dass der Herbst bereits voll da ist und der Winter mit Gewissheit kommt. Natürlich erlebt man in Istanbul keinen Winter, wie beispielsweise in den Alpen, dennoch kann es durchaus frisch werden und eine Jacke ist unverzichtbar. Der Kellner bemerkt, dass ich meinen Tee bereits ausgetrunken habe und fragt mich, ob ich einen traditionellen türkischen Kaffee, der noch ganz altertümlich über dem Feuer bzw. heißer Kohle gekocht wird, probieren möchte. Da ich den Moment gerade genieße, sage ich ja und gönne mir noch einen Kaffee, bevor ich mich auf den Weg zur Sultan Ahmed der sogenannten blauen Moschee mache.

Wie ich euch bereits erzählt habe, steht die Sultan Ahmed Moschee direkt gegenüber der Hagia Sophia, weshalb ich euch meinen Weg dorthin nicht näher erklären muss. Es ist jedoch wichtig zu wissen, dass man zu bestimmten Zeiten und am besten am Morgen die Blaue Moschee besucht, denn die Moschee ist für Besucher während der Gebetszeiten geschlossen. Das heißt, dass man die Moschee idealerweise vor 11 Uhr besuchen sollte und anschließend erst wieder ab 13 Uhr. Als ich an diesem überaus beeindruckenden und wunderschönen Bauwerk ankomme, musste ich leider feststellen, dass ein großer Teil der Moschee derzeit renoviert wird, weshalb ich die volle Pracht der Moschee mit meinen eigenen Bildern leider nicht festhalten kann. Daher zeige ich euch einige meiner Bilder und Bilder, die nicht von mir selbst stammen.

Wieder einmal gehe ich durch eine kleine Kontrolle, bei der hauptsächlich darauf geachtet wird, dass man angemessen gekleidet ist und Frauen ein Hijab tragen, das ihr Haar bedeckt. Der gesamte Vorplatz und große Teile im Inneren sind für mich nicht einsehbar, denn sie sind von Wellblechen und OSB-Platten verdeckt, hinter denen Renovierungsarbeiten ausgeführt werden. Die blaue Moschee soll jedoch eine der schönsten und bemerkenswertesten Moscheen der Welt sein. Sie war lange Zeit die Hauptmoschee der Stadt Istanbul, seitdem die Hagia Sophia wieder zur Moschee ernannt wurde, ist diese nun die Hauptmoschee der Stadt. Die Blaue Moschee hat sechs Minarette, was eher eine Seltenheit ist, denn lediglich die Prophetenmoschee in Medina mit ihren zehn Türmen und die Hauptmoschee in Mekka mit insgesamt neun Türmen haben mehr Türme.

Das innere, die Decken und großen Kuppeln der Moschee sind in einem hellen weißen Grundton gehalten und die vielen Verzierungen, Symbole und Zeichen sind in einem kräftigen Kobaltblau. Viele blauweiße Fliesen finden sich an den Wänden, wofür die Moschee ihren Namen erhielt. Neuerdings wurden Verzierungen in Rosa hinzugefügt. Auf der Westseite des Hofeingangs befindet sich oberhalb davon eine schwere Kette, die dort angebracht wurde, damit der Sultan, der zu Pferde in den Hof ritt, seinen Kopf neigen musste, um hinein zu gelangen, ohne sich den Kopf zu stoßen. Es war ein symbolischer Akt seinerseits, damit er nicht mit erhobenem Haupte die Moschee betrat. Die beiden Päpste Benedikt XVI im Jahr 2006 und Franziskus im Jahr 2014 kamen erstmals als religiöses Oberhaupt der katholischen Kirche in das islamische Gotteshaus und wohnten respektvoll in geneigter Haltung in Richtung Mekka dem Gebet der islamischen geistlichen Führer bei. Ich verlasse die Sultan Ahmed Moschee wieder in Richtung Hagia Sophia und gehe an ihr rechterhand vorbei, um zum Topkapi Palast zu gelangen.

Ich schreite durch ein großes Tor hinter der Hagia Sophia, um durch den ersten Mauerring der Anlage zu gelangen.

Der Topkapi Palast war der Wohn- und Regierungssitz der Sultane und wurde Mitte des 15. Jahrhunderts erbaut, nachdem die Stadt Konstantinopel erobert wurde. Er galt als Macht- und Verwaltungszentrum des Osmanischen Reiches und beherbergte zahlreiche Angestellte, Diener und Verwaltungsbeamte sowie die gesamte Familie des Sultans. Wie es in der türkischen Tradition üblich ist, bestand der Palast aus vielen Gebäuden, die in einer großen Gartenanlage verteilt sind.

Insgesamt bestand die Anlage aus vier Höfen und es hatten jeweils nur begrenzt Personen Zugang zu den einzelnen Bereichen des Palastes. So waren beispielsweise im ersten Hof die Wächter untergebracht und der Park beherbergte Gebäude für einige Dienstleistungen des alltäglichen Bedarfs. Darüber hinaus wurden hier Paraden abgehalten.

Betrat man den zweiten Hof, befand man sich im politischen Zentrum des Reiches, wo sich zahlreiche Staats- und Verwaltungsräume befanden. Hier befand sich auch die Palastküche, die täglich wohl bis zu 6000 Mahlzeiten zubereitete, und die Leibgarde des Sultans war hier untergebracht.

Zum dritten Hof erhielten nur sehr ausgewählte Personen mit ausdrücklicher Erlaubnis Zutritt, denn hier befand sich der Thronsaal des Sultans für Empfänge, höchste Staatsbedienstete, Wesire und ausländische Gäste. Auch die Palastschule befand sich hier, die drei ganz klare Regeln hatte, um Korruption vorzubeugen. Die Schüler mussten männliche Waisen sein, durften keine Türken sein und keine Verwandten im Palast arbeiten. So sollte die Integrität der Beamten gewährleistet werden. In diesem Hof befand sich auch der Harem (übersetzt verbotener Ort), der bis zu 2000 Frauen beherbergte und die Privatgemächer des Sultans.

Im vierten und letzten Hof befanden sich weitere Gärten und Parkanlagen auf verschiedenen Terrassen. Bei der gesamten Anlage kamen nur die hochwertigsten und edelsten Materialien des gesamten Reiches zum Einsatz. Nachdem ich den Palast ausgiebig erkundigt hatte, begebe ich mich in die Parkanlage direkt neben dem Topkapi Palast, der sogenannte Gülhane Park. Er war damals Teil des Topkapi Palastes und wurde im Jahr 1912 öffentlich zugänglich gemacht. In der Vergangenheit wurden hier Bogenschießwettbewerbe und ritterliche Spiele abgehalten und heute ist er ein wundervoller Park mit vielen hohen Bäumen in dem gelegentlich Live Konzerte stattfinden und Teegärten zu finden sind. Der Park ist übersät von tausenden Tulpen und rosa Hyazinthen, die die ganze Umgebung in ein wunderschönes Farbenmeer tauchen. Eine Vielzahl wundersamer Vögel, Pelikane und womöglich Papageienarten finden sich in den hohen Baumkronen des bewaldeten Parks. Es ist außerordentlich ruhig hier im Vergleich zum Rest der belebten Stadt und gönnt dem Besucher eine kleine Auszeit vom aufgeregten Getümmel der Stadt, es ist wahrlich eine Oase der Ruhe inmitten dieser riesigen Metropole. Menschen sitzen links und rechts des Weges auf Bänken und unterhalten sich leise, während die Vögel über uns hinweg fliegen und gelegentlich fast urwaldähnliche Geräusche von sich geben.


Ich verlasse den Park in Richtung Bosporus und mache mich nun wieder langsam auf den Weg zurück ins Radomon, denn ich bemerke, dass ich langsam hungrig werde und die Sonne bald untergeht. Diesmal entscheide ich mich nicht über die Galata Brücke zurückzugehen, sondern nehme einen kleinen Umweg über die Halic Metro Brücke, wo die U-Bahn entlang fährt, um das goldene Horn in Richtung Galata und Taksim zu überqueren. Am Anfang der Brücke steht ein Kaffeestand und ich überlege mir, in der Mitte der Brücke auf das Gebet des Muezzin zu warten, während ich meinen Kaffee dabei trinke. Als ich dem Herrn, der meinen Kaffee zubereitet, gerade mein Geld geben möchte, zupft mir ein kleiner Junge an meinem linken Hosenbein. Ich blicke hinab und sehe einen kleinen türkischen Jungen, nicht älter als fünf Jahre, barfuß in einer Art Schlafanzug, voller Staub und Dreck im Gesicht und an seiner Kleidung. Er zeigt auf ein Gebäckstück, das er gerne hätte und signalisiert mir, dass ich es ihm doch bitte kaufen solle. Ich zögere keinen Moment und sage dem Mann, dass er dem Jungen bitte zwei dieser Gebäckstücke geben soll. In dem Moment bemerkte ein weiterer Junge, dass sein Freund Erfolg hatte und kommt ebenfalls dazu und bittet um ein Gebäckstück. Ich signalisiere dem Verkäufer, dass er den beiden Jungs jeweils zwei Stücke geben soll und bezahle meinen Kaffee und die vier Stückchen. Ich sehe fast jeden Tag in Istanbul Kinder ohne Schuhe auf der Straße rumlaufen und frage mich so oft, wie es dazu kommt, was der Grund dafür ist, ob sie Familie haben oder ob sie auf sich alleine gestellt sind. Ich habe teilweise manche von ihnen am Straßenrand der Galata Brücke gesehen, wie sie sich nachts ein kleines Lagerfeuer anmachen und daneben liegen. Sie fragen niemanden um Hilfe oder betteln, sondern sitzen oder liegen einfach so da. Immer wieder kommen Touristen vorbei und stecken ihnen Geld zu, kaufen ihnen etwas zu essen oder lassen ihnen irgendeine andere Kleinigkeit da.

Es ist normalerweise eine Unart, Menschen in einer misslichen Lage zu fotografieren, gleichzeitig gehört dies zur gesamten Realität und der Wahrheit dazu. Es ist nicht immer alles traumhaft und schön, denn solch eine große Stadt hat auch ihre Kehrseiten und Menschen kämpfen um ihr Überleben, um nicht von der unerbittlichen Metropole verschlungen zu werden. Da sind Menschen, die wahrscheinlich überhaupt keine Energie oder inneren Antrieb mehr haben und auf der Straße leben, schlafen und von Almosen leben.

Dann gibt es diejenigen, die noch etwas mehr Lebensenergie in sich tragen, die für minimales Geld durch die Straßen ziehen und Müll aufsammeln.

Oder diejenigen, die am Straßenrand stehen und Kaffee brühen, geröstete Kastanien oder Maiskolben verkaufen oder Wassermelonen aufschneiden und anbieten,

bis hin zu Straßenverkäufern, die eine Decke auf dem Boden ausbreiten und Waren auf der Straße verkaufen.

Jeder kämpft auf seine Art und Weise um sein Überleben und hat dabei unterschiedliche Mittel und Wege, Ressourcen und Energie zur Verfügung, um sich irgendwie über Wasser zu halten. Ich darf dankbar sein, dass ich nicht überlegen muss, wo ich heute Nacht schlafen werde oder wie ich das Hungergefühl in meinem Magen stillen kann. Ein wenig in Gedanken versunken gehe ich über die Brücke, bleibe in der Mitte, an der U-Bahn Station Halic stehen und warte darauf, dass der Muezzin mit dem Gebet beginnt. Nach einer Weile beginnt der Gesang hunderter Moscheen und es schallt von allen Seiten links und rechts des goldenen Horns durch die Gassen und über die Dächer der Stadt, entlang des Flusses und über die Meeresenge hinweg.



Nachdem das Gebet endet, gehe ich zu meinem neuen Lieblingslokal zum Abendessen. Auf meinem Weg zurück komme ich noch an einem Musik-Event vorbei, vor dem sich viele Menschen versammelten und der Live Musik zuhörten. Überall auf den Bänken saßen Menschen in der Nacht und blickten entweder hinauf zur Bühne oder hinab zum goldenen Horn, wo der helle Mond über der Stadt und dem großen Fluss leuchtete.


Ich verweile ein wenig und höre der Livemusik zu, bevor ich mich auf den Weg zum Restaurant mache. Auch dort begrüßt man mich mit einem breiten Lächeln, denn ich bin ein wiederkehrender Gast und der Besitzer versteht, dass ich mich bei ihm außerordentlich wohl fühle. Ich bestelle ein Menü gebratener Hähnchenspieße mit einem vielfältigen Sortiment an Salat und Brot, dazu ein Gefäß frischen Ayran aus einem Zinnkrug.

Ich frage mich, ob es eine “richtige” Art und Weise gibt diese Spieße zu essen, da ich es aber nicht wirklich weiß, experimentiere ich ein wenig herum indem ich die Dinge einzeln probiere und manchmal miteinander kombiniere und ähnlich wie einen Taco oder einen Dürüm in das Brot entwickle.

Es ist eine Geschmackskombination aus saftigen, gehackten Tomaten in Balsamico, kräftig gewürzten Zwiebeln, Petersilie, Minze und eine Art Rucola oder Blattsalat, den ich vorher mit Zitronentropfen beträufelt habe. Dazu im Zentrum aller Zutaten das zart geröstete Hähnchenfleisch und das Ganze von dem dünnen, gerösteten Brot umhüllt, was das gesamte Geschmackserlebnis abrundet. Der Zinnkrug verleiht dem frischen Ayran einen zusätzlichen Geschmack, der die ohnehin schon spannende Erfahrung umso herausragender macht. Es ist ein signifikanter Unterschied, ob man ein abgepacktes Ayran aus einem Plastikbecher trinkt und eine ganz andere Erfahrung als ein frisches aus einem Zinnkrug. Nachdem man alle Hähnchenstücke von einem Spieß gegessen hat, steckt man den leeren Spieß in einen entsprechenden Behälter, der neben dem Tisch steht.

Nachdem ich mit dem Essen fertig bin, gehe ich hinein, um zu bezahlen, wo man mir noch einen Tee spendiert. Ich lehne das Geschenk natürlich nicht ab, sondern nehme dankend an, bleibe eine kurze Weile und trinke meinen Tee gemeinsam mit dem Besitzer, verabschiede mich anschließend und gehe zurück ins Hostel, wo ich noch ein paar Gedanken des Tages in Zeilen festhalte, bevor ich mich ins bequeme und weiche Bett lege.

Am nächsten Morgen beschließe ich, dass ich den gesamten Tag damit verbringen werde, in diversen Cafés zu sitzen und meine Gedanken niederzuschreiben. Dazu suche ich am Morgen das Cafe Nakka auf, in dem es ein tolles Frühstück und eine Dachterrasse geben soll. Es ist ein sehr nettes und angenehmes Cafe im Künstlerviertel im Stadtteil Galata auf der europäischen Seite der Stadt. Es ist irgendwie alternativ angehaucht und hat eine sehr gemütliche und ruhige Atmosphäre.

Zum Frühstück gibt es gebratene Eier mit Sucuk, einer türkischen Knoblauchwurst, Brot und Kaffee dazu.

Danach klappe ich den Laptop auf und schreibe für einige Stunden. Zur Mittagszeit beschließe ich, mir die Beine zu vertreten und klappe den Laptop zu. Ich unternehme einen kleinen halbstündigen kreativen Spaziergang und gehe über die Galata Brücke hinüber in den Stadtteil Eminönü, wo ich das Coffeetopia finde. Es ist ein tolles Cafe über drei Etagen, wie es nunmal aus Platzmangel in Istanbul üblich ist und bietet ausreichend tolle Sitzgelegenheiten, um sich zurückzuziehen, damit man in Ruhe arbeiten kann.

Ich suche dieses Cafe etwa vier Tage in Folge auf und schreibe die vielen Gedanken, die ich bisher auf meiner Reise sammeln durfte, nieder. Darüber hinaus gibt es auch extrem guten Kaffee, Cappuccino und Kuchen und ich lasse mich jeden Tag aufs neue von den Jungs hinter der Theke beraten, welchen Kuchen ich als nächstes probieren soll! Währenddessen telefoniere ich öfter mit meiner Familie und Freunden aus meiner neuen kleinen Arbeitsumgebung, in der ich mich unendlich wohl fühle.

Nachdem ich einen weiteren Blogeintrag veröffentlicht habe, klappe ich meinen Laptop zusammen und esse eine Lachssemmel oder sowas ähnliches, bei einer winzigen Fischbude, direkt in der Nähe des Coffeetopia, die zwischen zwei Gebäuden eingepfercht ist. Der Mann am Grill hat einen Hut auf und haut im Akkord eine Semmel nach der anderen an die vielen wartenden Kunden raus, die sich in einer langen Schlange vor seinem kleinen Laden anstellen.

Anschließend beschließe ich an diesem Tag das Hostel zu wechseln, denn ich möchte noch weitere Eindrücke von Istanbul, anderen Gegenden, Menschen und Unterkünften sammeln. Also packe ich erneut meinen Rucksack und laufe an diesem Abend quer durch Istanbul, um das Levanten Hostel aufzusuchen.

Nach einiger Zeit und viele Seitenstraßen später komme ich im Levanten Hostel an und bemerke direkt, dass die Atmosphäre hier eine andere ist. Das Radomon war eher clean und die Gäste, die dort untergebracht waren, fokussierten sich auf ihre Arbeit und saßen oft am Laptop, um remote zu arbeiten. Das Levanten Hostel war eher spartanisch gehalten und beherbergte Backpacker, Reisende und Wanderer. Ich unterhielt mich dort mit zwei jungen Mädels aus Deutschland, die gerade erst mit ihrem Studium begonnen hatten und in ihren ersten Semesterferien mit ihren Instrumenten eine Interrail-Reise durch Osteuropa nach Istanbul unternommen haben.

Es war zwar eine ganz nette Erfahrung im Levanten Hostel, aber definitiv kein Ort, an dem ich länger bleiben möchte, denn der Schlaf war nicht wirklich erholsam und es war zugegebenermaßen auch nicht gerade sauber. Ich bin diesbezüglich zwar nicht empfindlich und wählerisch, aber ein erholsamer Schlaf ist mir doch wichtig. Also versuchte ich am nächsten Tag erneut mein Glück in einem neuen Hostel und beschloss daher, ins Galata West Hostel umzuziehen.

Diese Entscheidung sollte ich bitterböse bereuen, denn der Betreiber des Hostels war zwar ein netter Typ, aber es war extrem dreckig, unorganisiert und chaotisch. Am schlimmsten waren aber die schlaflosen Nächte, denn das Galata West Hostel liegt mitten im Stadtteil Galata und es war unerträglich laut. Die Schlafsäle waren mit bis zu 12 Personen in dreistöckigen Betten vollgestopft, die Partygänger kamen extrem laut teilweise morgens um fünf ins Zimmer und nahmen keinerlei Rücksicht auf die anderen Gäste, die versuchten zu schlafen. Die Matratzen waren mit nervig lärmenden Plastikfolien überzogen, die permanent knistern, wenn man sich bewegte, die Bettlaken und Bettwäsche waren extrem dreckig und nach meinem zweitägigen Aufenthalt dort hatte ich Bisse von Bettwanzen oder ähnlichem am Rücken.

An den Tagen versuchte ich konzentriert am Laptop zu arbeiten und weiter an meinen Blog-Einträgen und an meinem Buch zu schreiben, aber die furchtbaren Nächte führten zu erheblichen Schlafmangel und ich war kaum erholt und wurde zunehmend unausgeglichener und leicht gereizt. Spätestens als ich eines Tages im Caffeetopia beim schreiben bemerkte, dass ich bereits davon genervt war, dass eine andere Besucherin neben mir am Tisch permanent mit dem Fuß am Tisch wackelte wusste ich, dass ich dringend einen Ort finden muss an dem ich ordentlich ausruhen und ausreichend schlafen kann, damit ich wieder etwas ausgeglichener werde. Also wechselte ich erneut das Hostel und suchte das Cheers Lighthouse auf, das direkt am Meer mit Blick auf den Bosporus gelegen war.

Das Cheers Lighthouse Hostel ist ein sehr angenehmes und toll organisiertes Hostel. Die Mitarbeiter sind extrem freundlich und sind außerordentlich engagiert und bemüht, dass man eine unvergessliche Erfahrung bei ihnen im Hostel hat. Der Barmann ist ein junger Engländer, der vor kurzem in Istanbul gestrandet ist und hier versucht sein Glück zu finden. Es ist eine extrem lockere und einladende Atmosphäre und die Mitarbeiter erzählen mir von den vielen Aktivitäten, die sie für die Gäste organisieren.

An diesem Abend steht ein BBQ für alle Gäste an, wir sind eine bunt gemischte Truppe aus zwei Kanadiern, zwei Indern, einer Amerikanerin, einer Kolumbianerin und weiteren Nationalitäten.

Wir alle unterhielten uns und tauschten uns gegenseitig aus, was uns jeweils nach Istanbul verschlägt. Das Mädchen aus Kolumbien arbeitet Remote in der Medizinforschung für ein Unternehmen aus Großbritannien und arbeitet remote unterwegs. Das Paar aus Kanada ist frisch verheiratet und die beiden verbringen ihre Flitterwochen gerade gemeinsam in Istanbul. Die Amerikanerin ist eine “Travel Nurse”, quasi eine Reisekrankenpflegerin und arbeitet während sie auf Reisen ist, dort wo sie gerade benötigt wird. Ich könnte an dieser Stelle noch weiter fortfahren, was ich jedoch mit diesen Details veranschaulichen will ist, dass die Menschen, die Reisenden und ihre Geschichten so vielfältig sind und man die unterschiedlichsten Lebenskonzepte kennenlernt. Jeder von ihnen hat seine ganz eigene Story und hin und wieder entdeckt man extrem interessante Persönlichkeiten. Aber lasst euch nicht täuschen, denn es ist nicht immer alles nur rosig, denn manche Gäste können durchaus auch nervtötend, aufdringlich, egozentrisch, rücksichtslos und auch manchmal einfach stinklangweilig sein. Diese Truppe zählte jedoch definitiv nicht dazu, denn mit allen von ihnen konnte man spannende Gespräche führen und eine Menge Spaß haben. An diesem Abend bekam ich die Empfehlung durch die Amerikanerin, dass ich auf meinem späteren Weg nach Ägypten definitiv in Jordanien vorbeischauen und die Petra besichtigen sollte. Ich weiß nicht, warum ich von selbst nicht auf die Idee kam, aber ich hatte dieses Wunderwerk aus irgendeinem Grund leider überhaupt nicht auf dem Radar und war daher unendlich dankbar für diese tolle Empfehlung. Wir unterhielten uns gemeinsam während des Essens und unsere Unterhaltungen kreuz und quer über den Tisch überschlugen sich förmlich gegenseitig vor Begeisterung und man wollte an allen fünf Unterhaltungen am Tisch gleichzeitig dabei sein.


Das BBQ war extrem lecker, reichlich, vielfältig und ließ keine Wünsche offen. Ich trank sogar ein türkisches Efes Bier an diesem Abend, denn es schien mir ein toller Anlass.

Das zweite Highlight des Abends war die Bauchtänzerin, die nach dem BBQ einen Auftritt hatte und uns gekonnt demonstrierte, wie man den Körper und die Hüften einer wohl geformten Frau rythmisch, verführerisch und im Takt der arabischen Musik bewegen kann.



Sie animierte uns alle, ebenfalls mit ihr zu tanzen und versuchte uns beizubringen, wie man die Hüfte kreisen lässt. Keiner von uns war sich zu schade, sich eventuell zum Affen zu machen, weshalb jeder von uns aufgesprungen ist und versuchte die Bewegungen der Tänzerin zu imitieren. Der/dem ein oder anderen gelang dies besser oder schlechter. Was mich betrifft würde ich sagen, dass man von mir keinen kreisrunden Hüftschwung erwarten kann, sondern eher eine Bewegung zu sehen bekommt, die an einen eingerosteten alten Roboter erinnert, der aufpassen muss, dass er bei dem Versuch niemandem ausversehen weh tut.

Nach der Vorstellung spielten wir noch eine Runde Beer Pong. Für die etwas älteren Leser, die sich jetzt fragen, was das für ein Spiel ist, eine kurze Erklärung. Beer Pong wird von den jüngeren Generationen auf den meisten Partys, Festen, Festivals oder sonstigen Gelegenheiten gespielt.



Dabei ist es das Ziel, die Becher des gegnerischen Teams auf der anderen Seite des Tischs zu treffen. Trifft eine Seite einen Becher, muss die andere Seite einen Schluck trinken oder etwas auf Ex austrinken oder Ähnliches. Die Regeln variieren sehr stark, wer was wann trinken muss/darf und wann ein Treffer als Treffer oder doppelter Treffer gilt. Kurz gesagt verfolgt das Spiel den Zweck, dass man, wie bei anderen Trinkspielen üblich schnell einen ordentlichen Pegel bekommt und je betrunkener man ist und je mehr Becher vom Tisch verschwinden, desto schwerer wird das Spiel natürlich mit sinkender Treffgenauigkeit. Der Abend fängt für die meisten Gäste jetzt gerade erst an, denn im Anschluss wird eine Kneipentour im Stadtteil Taksim organisiert. An dieser Stelle verabschiede ich mich von der Partytruppe und wünsche ihnen viel Spaß beim "Pubcrawl", so heißt das ganze nämlich, denn man kriecht quasi von Bar zu Bar, je länger der Abend andauert. Da ich aber unbedingt mein extremes Schlafdefizit wieder aufbessern muss, entscheide ich mich dafür ins Bett zu gehen, damit ich eine ordentliche Mütze Schlaf abbekomme, die ich dringend nötig habe.

Ich erhole mich extrem gut und kann überaus lange schlafen, was meinem Gemütszustand und meiner Ausgeglichenheit wieder zugute kommt. Nach dem Frühstück mache ich mich auf den Weg zum Flughafen, denn heute landet mein kleiner Bruder, der in Spanien in der Nähe von Malaga lebt, um mich für eine Woche in Istanbul zu besuchen. Es ist eine zweistündige Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln via U-Bahn und Linienbus vom Zentrum in Istanbul zum Flughafen Istanbul Havalimani. Er landete spät abends um 22 Uhr und ich buchte uns beiden für die gesamte Woche zwei Betten im Radomon Hostel, denn damit hatte ich nach all meinen Hostel Aufenthalten die beste Erfahrung gemacht. Am nächsten Morgen gingen wir erstmal ordentlich gemeinsam in der Fußgängerzone zwischen Taksim und Galata frühstücken. Wir haben dort ein tolles kleines Lokal gefunden, welches wir für die gesamte nächste Woche jeden Morgen zum Frühstück aufsuchen werden.

Ich zeigte ihm in der Woche die gesamte Stadt, angefangen beim großen Bazaar, über die Hagia Sophia, die blaue Moschee, besuchten noch einmal ein Hamam zusammen und gingen anschließend zum Barbier. Wir fuhren zusammen mit der Fähre über den Bosporus und ich zeigte ihm die asiatische Seite, wodurch er zum ersten Mal in seinem Leben einen Fuß auf den asiatischen Kontinent setzte. Er stimmte mir zu, dass diese Seite der Stadt irgendwie viel anziehender und authentischer als die europäische Seite der Stadt ist.


Abends gingen wir meistens bei einer Pizzaria in der Nähe des Galata Tower zum Abendessen und hatten die Woche über eine entspannte Zeit gemeinsam.

Am nächsten Tag beschlossen wir beide die Asiatische Seite noch genauer zu erkunden, denn wir beide waren uns einig, dass es dort drüben einfach wahnsinnig spannend ist und gleichzeitig wollten wir die riesengroße Camlica Camii hoch oben auf einem Hügel der Stadt besichtigen. Es war ein wolkenbedeckter, kühler und regnerischer Tag aber wir beide waren fest entschlossen auch unter diesen Bedingungen auf Erkundungstour zu gehen.

Wir liefen etwa zwei Stunden durch den leichten Regen und kamen dabei an einem Straßenmarkt voller Obst, Gemüse und vielen weiteren Nahrungsmitteln vorbei.

Nach einer Weile kamen wir endlich am Fuß des Berges an, auf dem die große Moschee stand und wir stiegen die stetig steiler werdende Straße hinauf.

Endlich am höchsten Punkt des Berges angekommen erblickten wir einen riesigen neu gebauten Komplex, die Camlica Moschee.


Ihr Grundstein wurde im Jahr 2013 gelegt und 2019 fertiggestellt. Sie fasst bis zu 63.000 Gläubige und ist damit die größte Moschee des Landes. Auch sie hat sechs Minarette, die jeweils über 100 Meter hoch sind und das Zentrum wird von einer 72 Meter hohen Kuppel mit einem Durchmesser von 34 Metern überspannt.

Der gesamte Komplex ist zugleich eine Moschee, Museum, Bibliothek und eine Kunstgalerie. Alles in dieser Moschee ist sehr modern und neu und wir besuchen die Moschee gerade während das Gebet stattfindet. Die Ausmaße und Dimensionen dieses islamischen Gotteshauses sind so enorm, dass ich an dieser Stelle Bilder und Videos anstelle meiner Beschreibung sprechen lasse.



Wir sind während des gesamten Gebets anwesend und hören dem Gesang und dem Gebet zu. Nach einer Weile verlassen wir die Moschee und befinden uns draußen auf dem großen Vorplatz.

Außerhalb des Vorplatzes befindet man sich auf einer extrem großen und weitläufigen Terrasse, zu der mehrere Stufen und Rolltreppen hinauf führen. Von hier oben hat man einen einzigartigen Blick über die Stadt, den Bosporus, die Bosporus Brücke und hinüber zum Fernsehturm.

Nachdem wir den ganzen Tag auf der asiatischen Seite und in der Camlica Camii verbracht haben, machen wir uns wieder auf den langen Weg zurück zum Hostel. Mein kleiner Bruder friert ein kleines bisschen, denn sein Kapuzenpulli ist komplett vom Regen durchgeweicht und er ist komplett nass am gesamten Körper. Also schlagen wir ein äußerst zügiges Tempo an und marschieren straff zur nächsten U-Bahn Station, um zur Fähre von Üsküdar nach Karaköy zu kommen.

Am letzten Abend vor der Abreise meines kleinen Bruders zurück nach Spanien gingen wir noch einmal zusammen joggen und machten ein kleines Calisthenics Workout in einem Park in der Nähe des Bosporus. Tierlieb, wie er ist, hat er sofort mit den Hunden und Katzen im Park eine Freundschaft geschlossen und mit ihnen gespielt.

Nach unserem letzten gemeinsamen Abendessen in Istanbul gingen wir zurück ins Hostel und bereiteten alles für unsere Abreise vor, denn sein Flug ging am nächsten Abend und mein Paket mit meiner Gletscherausrüstung kam endlich an. Zusätzlich wartete an der Rezeption ein großer Umschlag auf mich. Darin war mein Reisepass mit meinem 30-tägigen Visum für Russland, das in zwei Tagen beginnt.

Am nächsten Morgen brachte ich meinen Bruder zur Bushaltestelle, von der der Shuttlebus zum Flughafen fährt, und verabschiedete mich dort von ihm. Während mein Bruder auf dem Weg zum Flughafen ist, mache ich mich mit meiner gesamten und nun fast doppelt so schweren Ausrüstung auf den Weg zum Busbahnhof im Westen der Stadt, um meine lange Reise in den Osten der Türkei nach Erzurum anzutreten, um von dort aus weiter über Georgien nach Russland in den Kaukasus zu reisen.

Mein Bus fährt an diesem Sonntag, dem 16. Oktober 2022 um 14 Uhr und die gesamte Reise ins östliche Zentrum der Türkei wird etwa 20 Stunden dauern.

Nach fünf Wochen Aufenthalt in Istanbul, geht meine Reise nun endlich weiter und ich kann diese tolle Stadt, der ich nun aber überdrüssig bin, verlassen, um in die Natur zu gehen. Es war eine fantastische Zeit mit vielen Hochs und ein paar vereinzelten Tiefs. Ich habe wundervolle Momente und Begebenheiten hier am Bosporus erlebt. Historische und atemberaubende Orte und Gebäude besichtigt und viele wundervolle und interessante Menschen kennen gelernt, die mir womöglich als Freunde erhalten bleiben. Viele neue Eindrücke gesammelt, Gerüche wahrgenommen, fantastisches Essen probiert, guten türkischen Kaffee und schwarzen Tee getrunken, süßigkeiten und süßspeisen ohne Ende genascht, mehrere Male den Bosporus überquert, mich im Hamam Massieren lassen und die eine oder andere schlaflose Nacht verbracht.

Es war eine wundervolle Zeit und dennoch bin ich am Ende des Tages eher der Naturmensch und nicht unbedingt das Stadtkind und freue mich unendlich darauf endlich wieder Berge sehen und besteigen zu können und draußen in der freien Natur mit meinem Zelt zu übernachten. Deshalb bin ich unendlich dankbar für die Erfahrungen und kostbaren Momente, die ich hier sammeln durfte und freue mich gleichzeitig, dass meine Reise nun endlich weiter geht.

Russland, Kaukasus, Elbrus, ein weiterer der Seven Summits, Ich komme!!!




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