Eine kurze Reise durch den Balkan! Tag 12 meiner Reise um die Welt.


Ich öffne die Augen und es ist noch dunkel im schaukelnden Reisebus. Der Busfahrer sagt über die Sprechanlage durch, dass wir gleich in Venedig ankommen. Ich werde langsam wach und sehe durch das Fenster, wie wir durch Mestre und Venedig fahren. Ich erinnere mich an damals ungefähr im Jahr 2010, als ich zum ersten Mal mit meinem Kumpel Ingo zusammen mit dem Fahrrad über die Alpen gefahren und in Venedig angekommen bin.

Aber das ist eine andere Geschichte, die ich euch zu einem späteren Zeitpunkt einmal erzählen werde. Anschließend erinnere ich mich an das zweite Mal, als ich mit meiner damaligen Partnerin hier in der Stadt war. Nun bin ich ein drittes Mal hier, jedoch nicht um die Stadt zu besichtigen, denn ich steige lediglich morgens um vier Uhr in der Dunkelheit in einen anderen Bus um und fahre auch schon wieder weiter nach Zagreb. Ich schwelge ein wenig in diesen Erinnerungen und blicke mit einem leichten Lächeln im Gesicht zurück in diese Zeit. Diese Reise war damals die erste derartige selbstgeplante Reise und war der Beginn meiner vielzähligen zukünftigen Abenteuer. Noch während ich auf den Bus warte, erkenne ich in der Dunkelheit Umrisse von anderen müden Gestalten, die wie ich auf einen Reisebus warten, um zu ihrem nächsten Ziel zu gelangen. Ich beobachte zwei Japaner, die im schwachen Licht ihrer Stirnlampen versuchen ihre Trekking Fahrräder zu demontieren, damit sie für die Weiterreise im Bus verstaut werden können. Ich friere ein kleines bisschen, denn ich war für einen sonnigen Tag in Rom und nicht für eine kalte, dunkle Nacht in Venedig gekleidet. Es dauerte nicht ganz 30 Minuten, bis ein großer grüner Reisebus auf dem Platz mit den müden Gestalten vorbei kam und wendete. Ich überprüfe die dreistellige Nummer, die an der Windschutzscheibe klemmt mit der Busnummer meiner Onlinereservierung auf meinem Handy und weiß nun, dass dies mein nächster Bus nach Zagreb ist. Die schwere und sperrige Ausrüstung wandert wieder in den Unterbau und ich steige die Stufen hinauf in den Reisebus. Ich setze mich auf irgendeinen Platz, der mir gefällt, denn ich glaube, dass es auf dieser Fahrt kein Sitzplatzsystem gibt, mache es mir bequem und schlafe auf der Stelle wieder ein. Während ich schlafe, geht es weiter über Triest und Ljubljana in Slowenien nach Kroatien.

Es ist eine Schande einfach so durch Slowenien zu fahren ohne das Land zu besichtigen, denn ich kann euch sagen, Slowenien und zwar besonders die Nationalparks sind wunderschön und definitiv eine Reise wert.

Auf der slowenischen Flagge könnt ihr links oben im Eck einen Berg mit drei Gipfeln erkennen. Das ist der sogenannte Triglav und die Slowenier sagen, dass man sich erst dann einen echten Slowenier nennen kann, wenn man diesen Berg bestiegen hat. Der Triglav hat mich damals absolut fasziniert, ich war damals nahezu alleine auf dem Bamberger Klettersteig und würde dieses Land jederzeit wieder besichtigen.

In mir sind zu diesem Zeitpunkt zwei vorherrschende Gedanken. Einerseits möchte ich mir gerne Zeit nehmen und mit dem Bus, dem Zug und/oder per Anhalter durch Osteuropa tingeln und via Couchsurfing unsere östlichen Nachbarn noch näher kennenlernen. Denn damals war ich lediglich zum Bergsteigen in nahezu allen europäischen Ländern und habe die Städte und Kultur eher links liegen gelassen. Diese Reise wäre nun der ideale Anlass dazu. Gleichzeitig verspüre ich aber einen enorm starken Drang, schnell nach Istanbul zu kommen und meine weiteren Reisepläne zu schmieden und Vorbereitungen zu treffen, denn dies wäre eine völlig neue Erfahrung für mich, da ich Europa bereits sehr sehr gut kenne. In Ljubljana, der Hauptstadt Sloweniens steigen die meisten Passagiere aus und ein paar wenige kommen hinzu.

Es geht weiter nach Kroatien und ich schließe die Augen erneut, denn ich bin immer noch hundemüde. Eine halbe Stunde vor Zagreb wache ich wieder auf und bin froh, dass ich mir bald die Beine vertreten kann.

Endlich in Zagreb am Busbahnhof angekommen, schnalle ich mir meinen Rucksack auf und begebe mich zum Bahnhof, um Zugverbindungen nach Belgrad oder Sofia zu finden. Warum will ich so unbedingt ständig mit dem Zug fahren? Weil ich dachte, dass Zugverbindungen günstig und bequem sind. Ich werfe einen kurzen Blick auf Google Maps, um zu sehen, wo ich gerade bin und wie ich am besten zum Bahnhof gelange. Ich sehe, dass es eine Straßenbahn gibt, die mich direkt dorthin befördern könnte. Für meinen Geschmack bin ich aber lange genug gesessen und ich kann es kaum erwarten, endlich wieder meinen Körper zu bewegen und einen Fuß vor den anderen zu setzen. Ich mache mich daher zu Fuß auf den Weg zum Bahnhof und erkunde die Stadt unterwegs ein wenig.

Nach einem kleinen Spaziergang komme ich am Bahnhof an und freue mich schon, dass ich ein Stück des Weges mit dem Zug fahren kann, um etwas Abwechslung vom unbequemen Reisebus zu bekommen. Voller erwartungen betrete ich also das Bahnhofsgebäude und suche einen Ticketautomat oder Schalter auf, denn online findet man nahezu gar keine Informationen oder Auskünfte zu den Fahrplänen.

Meine Hoffnung, eine Verbindung nach Belgrad oder Sofia zu finden, war vergeblich. Ich suche am Automat und befrage Bahnhofsmitarbeiter nach Verbindungen, aber werde leider nicht fündig. Außer nach Budapest gibt es fast keine IC Verbindungen von Zagreb ins umliegende Ausland. An dieser Stelle gibt es in Europa definitiv Nachholbedarf, wir haben über 27 verschiedene Eisenbahnnetze und Anbieter und die Vernetzung der Informationen sind für die technischen Möglichkeiten im Jahr 2022 wirklich dürftig. Ein funktionsfähiges, transparentes und effizientes Bahnsystem für Europa wäre wirklich ein Mehrwert für viele Menschen und Reisende und eine Alternative zum Flugverkehr. In der Realität ist fliegen oder auf der Straße per Bus oder Auto viel unkomplizierter als eine Zugreise durch Europa. Man stelle sich nur vor, man möchte von Lissabon in Portugal mit dem Zug nach Athen in Griechenland fahren, da bedarf es wohl einiges an Organisationstalent. Mit dem Auto ist das zwar auch spannend, aber nicht sonderlich kompliziert. Der schnellste, unkomplizierteste und günstigste Weg ist tatsächlich mit dem Flugzeug. Budapest wäre natürlich eine tolle Option, da ich nur Positives über die Stadt gehört habe und ein Besuch definitiv auf meiner Liste steht. Die Stadt liegt jedoch weiter nordöstlich, wohingegen ich mich kontinuierlich nach Südosten begeben möchte. Wie bereits beschrieben zieht es mich aus verschiedenen Gründen aus Europa heraus nach Asien und ich gebe dem Bedürfnis nach. Etwas enttäuscht, dass ich wieder den Reisebus nehmen muss, verwerfe ich die Idee mit dem Zug. Es gibt einen weiteren Nachtbus von Zagreb nach Sofia, der abends um 22 Uhr vom Busbahnhof abgeht. Also beschließe ich erstmal eine Kleinigkeit zu essen und erkunde anschließend noch ein wenig die Stadt und suche mir erneut ein Cafe, um weiter zu schreiben und um am Laptop zu arbeiten, denn es gibt noch einiges zu tun.

Ich verbringe den gesamten restlichen Tag in diesem Cafe und arbeite ununterbrochen am Laptop und schreibe meine Gedanken nieder. Zurück am Busbahnhof buche ich mein nächstes Ticket nach Sofia und steige am Abend wieder in den Nachtbus, der mich dorthin befördert.


Tag 13 / 13.09.2022 / Sofia

In dieser Nacht werde ich öfter geweckt, denn wir überqueren die Grenze von Kroatien nach Serbien und von Serbien nach Bulgarien, wodurch wir wieder in der EU sind.

Dementsprechend waren die Kontrollen gründlicher und wir konnten nicht einfach problemlos über die Grenze fahren. Dies bedeutet, dass ich immer wieder für einige Stunden einschlafe und dann für die Passkontrolle wach werde. Wir müssen in der Dunkelheit hinaus in das grelle Neonlicht, während es bereits kalt draußen ist. Ich sah mich ein wenig um und erkannte, dass die Umgebung etwas gebirgiger ist und es hier womöglich deshalb so kühl ist. Die Kontrolle geht mal schneller und mal langsamer, je nachdem, wie genau, gewissenhaft oder willkürlich der Grenzbeamte seine Aufgabe ausführt. Ich hatte bisher immer nur mein Plastikkarten, also meinen Personalausweis gezeigt und nie meinen Reisepass benötigt. Manche Beamte mustern mich sehr genau, manche blicken mich nur kurz an, um zu identifizieren, ob ich tatsächlich die Person auf dem Ausweis bin. Oftmals sind sie verwundert, dass ich deutscher Herkunft bin und werde nach meinen Wurzeln gefragt. Die besonders ortskundigen erkennen auf Anhieb die anscheinend offensichtlichen arabischen Konturen in meinem Gesicht. Besonders die bulgarische Grenzbeamtin stellt mir viele Fragen, ich spüre jedoch ein wohlwollendes Interesse und kein Verhör. Sie fragt, ob ich Freunde in Bulgarien habe. Ich antwortete: “Nein, leider noch nicht”. Daraufhin antwortete Sie, “doch jetzt hast du ganz viele Freunde in Bulgarien”. Sie lächelte mich an und gab mir meinen Ausweis zurück. Ich stieg innerlich lächelnd wieder in den Bus, schloss meine Augen und versuchte noch ein wenig Schlaf während der restlichen Fahrt zu bekommen.

In Sofia angekommen überprüfe ich meine weiteren Reisemöglichkeiten vom Busbahnhof aus nach Griechenland, Thessaloniki und Athen, denn der Plan war, bevor ich nach Istanbul fahre Athen für zwei Tage zu erkunden, und dann möglicherweise sogar per Fähre nach Istanbul zu reisen. Aber erneut schien die Reise nach Athen kosten- und zeitintensiver als mir lieb war. Ich hatte gehofft, dass es von dort aus eine einfache und günstige Methode gibt, mit der Fähre von Athen nach Istanbul zu gelangen, aber da war mein Wunschdenken mal wieder zu groß und ich konnte aus der Ferne oder online keine passende und günstige Verbindung finden. Flugverbindungen findet man problemlos, aber die Fährverbindungen lassen wirklich zu wünschen übrig. Athen nach Istanbul dachte ich, ist doch eine geniale Verbindung mit der Fähre, warum bedient das niemand. Ich dachte sofort an meine absolut geniale Fährüberfahrt von Dublin in Irland nach Holyhead in Wales.

So in etwa hatte ich mir das vorgestellt, aber daraus wird nun wohl leider nichts.

Zugleich erfuhr ich, dass es eine recht günstige Möglichkeit zur Weiterreise per Nachtbus von Sofia nach Istanbul für 25€ gab. Das hörte sich natürlich sehr verlockend an. Deshalb entschied ich mich für Letzteres, da ich wie bereits erwähnt einen starken Drang verspüre, nach Istanbul zu gelangen und den europäischen Kontinent zu verlassen. Es hat wohl viele Gründe, erstens kenne ich Europa bereits sehr gut und Istanbul stellt für mich ein neues Kapitel und den eigentlichen Beginn meines Abenteuers dar. Zugleich ist die Kostensituation in Istanbul bzw. der Türkei einfach viel günstiger und gewährt mir einen größeren Handlungsspielraum als die teuren Städte in Europa. Also ist es beschlossen, ich bezahle an einem der Schalter, bei einer sehr bizarren bulgarischen Frau, mein Ticket für den Nachtbus von Sofia nach Istanbul. Sie füllt ein handschriftlich geschriebenes Ticket aus und übergibt es mir, nachdem ich 50 Lev in bar bezahlt hatte. Das war quasi “old school” und nicht wie die bisherigen Buchungen per App. Ich stelle mein Gepäck bei ihr ab und mache mich auf, tagsüber die Stadt zu erkunden, bis der Nachtbus um 22 Uhr geht. Meine erste Amtshandlung ist wie so üblich, ein nettes Cafe zum Frühstücken aufzusuchen, denn ich bin etwas hungrig an diesem Morgen und habe noch nichts gegessen. Ich gehe also hinunter in die Metro und staune nicht schlecht, als ich die überraschend erfrischende Graffiti-Art im “Anime Style” in den Katakomben erblicke.

Ich gehe ein Stück weiter die unterirdischen Gänge entlang und gelange an eine Station von Schranken und Schaltern. Anscheinend kann man hier nirgends mit Kreditkarte bezahlen und, da ich kein Bargeld bei mir habe, entscheide ich mich, zu Fuß in die Stadt zu gehen und diese zu erkunden. Erstens mag ich die Bewegung und zusätzlich sieht man mehr von der Stadt, als nur die dunklen Tunnel der U-Bahn. Ich laufe also entlang einer großen breiten Straße, die ins Stadtzentrum führt und bemerke, dass die zahlreichen Kastanienbäume auf dem Weg bereits beginnen, ihre herbstlich braunen und gelb gefärbten Blätter abzuwerfen. Ich blicke hinauf in die Baumkronen und bestaune eine grün, braun, gelbe Farbkonstellation vor einem kontraststarken blauen Himmel, der das Bild zusammen mit der kräftig scheinenden Morgensonne abrundet. Erweitert wird dieses Bild durch die Stadtsilhouette, den Gebäuden, Kirchen, Palästen und Denkmälern, die überall zu entdecken sind. Den perfekten, finalisierenden Schlussakzent verleiht die circa 2000 Meter hohe Bergkette im Süden der Stadt. Die Kombination aus starker Sonne und kühler Luft verleihen diesem Sommerlich anmutenden Herbsttag in Sofia eine wahnsinnig tolle Wohlfühlatmospähre.

Diejenigen von euch, die mich bereits näher kennen lernen konnten wissen, dass ich die Sonne zwar genieße, jedoch auch eine starke Affinität zur Kälte habe. Meine Beziehung zur Kälte ist eine, vergangenheitsbedingt merkwürdige, die ich möglicherweise zu einem späteren Zeitpunkt einmal oder in einer anderen Erzählung näher thematisieren werde. Ich glaube jedoch, dass jeder Höhenbergsteiger, so würde ich meine Disziplin nennen, die ein oder andere Beziehung mit der Kälte eingehen muss. Wie auch immer diese Beziehung aussehen mag. Fakt ist, die Kälte trachtet nicht nur, aber besonders in den Bergen nach unserem Leben. Sie nagt an unserer geistigen und physischen Resilienz und ist erbarmungslos beständig in großen Höhen. Ihr einziger wahrer Widersacher während des Bergsteigens ist unsere eigene Flamme und nicht etwa unsere Kleidung, Ausrüstung oder ein warmer Ofen. Die Kleidung hilft durchaus, sie ist jedoch nutzlos ohne unsere eigene Energie, die sie von innen heraus erwärmt und somit kontinuierlich warm hält. Oh… Ich merke, ich schweife wieder einmal ab. Ich spare mir diese Ausführungen wohl lieber für mein “Bergsteiger Buch” auf oder erzähle mehr darüber, wenn ich im Herbst/Winter versuchen werde, den Elbrus in Russland zu besteigen. Ich glaube das ist ein geeigneterer Zeitpunkt über die “Kälte” zu berichten. Nun weiter in den Stadtkern von Sofia. Ich beobachte erneut, wie die bereits erwachte Stadt am Vormittag bzw. Morgen angekommen ist und ihr tägliches Schauspiel vollzieht.

Bei diesem Anblick fühle ich mich zwar als Teil des menschlichen Kollektivs das zu der Kulisse dazu gehört und dennoch anders, da ich beschlossen habe dem alltäglichen Zyklus des täglichen Erwerbs zu entfliehen, um ein anderes Lebensmodell für mich zu entdecken, welches ich hoffe auf dieser Reise zu finden und welches im Einklang und Harmonie mit meiner Natur und meinem Wesen steht. Im Endeffekt werde ich mich wohl, wenn ich etwas für mich gefunden habe auch wieder in eine Form von Zyklus in (m)einer Heimat begeben. Wer weiß, wie das bis dahin aussehen mag. Für den Moment entschließe ich mich jedoch für einen vorwärts gerichteten, undefinierten Vektor, dem ich erlaube, mich Tag für Tag zu überraschen. Kurz gesagt: während alle anderen Menschen danach streben, regelmäßige Routinen aufzubauen und für konstante Sicherheit in ihren Leben zu sorgen, damit Ihnen das alltägliche Leben einfacher erscheint, habe ich mich genau für das Gegenteil entschieden. Jeden Tag etwas Ungeplantes und Unvorhergesehenes mit ungewissem Ausgang, das immer wieder aufs Neue gemeistert werden möchte. Das ist genau das, was ich derzeit brauche, denn manche Routinen zu Hause haben mich erdrückt und mir die Luft zum Atmen genommen. Nach einer Weile komme ich im Zentrum der Stadt an. Ich erinnere mich an diese Straßen aus Kopfsteinpflaster gesäumt durch Regierungsgebäude und Paläste. Ich sehe mich vor meinem geistigen Auge, wie ich bereits vor drei Jahren im Jahr 2019 im Zuge meiner Europareise mit meinem alten, roten VW T4 Bus durch diese Straßen gefahren bin. Damals war ich auf dem Weg zum Musala, dem höchsten Berg Bulgariens, den ich am darauffolgenden Tag bestiegen hatte.

An einem nahegelegenen Park finde ich ein ansprechendes Cafe, in dem ich frühstücken möchte. Ich bestell mir einen großen Kaffee, einen Schoko-Donut, etwas, das wie ein Stück Oreo Torte aussieht und ein Croissant. Ich setze mich mit meiner Beute draußen vor das Cafe und genieße das zuvor beschriebene Schauspiel der Stadt und die Atmosphäre.

Im Anschluss an mein Frühstück sitze ich noch eine Weile da und döse immer wieder auf dem Stuhl in der Sonne ein und lasse den Kopf und die Augenlider fallen. Ich zucke zwei drei Mal erschrocken auf und entscheide mich dazu in der daneben liegenden, wundervoll angelegten Parkanlage mit ihren Brunnen, Wasserspielen und großen, mächtigen, schatten spendenden Bäumen auf einer der vielzählig Bänke einen Mittagsschlaf zu halten.

Ich trinke meinen üblichen, frisch gepressten Orangensaft. Kurz darauf schlafe ich sofort zufrieden ein und döse vor mich hin. Das Geschehen der Stadt und der Menschen um mich herum nimmt weiterhin seinen Lauf und interessiert sich kaum für mich, wie ich so da liege und versuche meinen Schlafmangel zu kompensieren. Nach circa zwei bis drei Stunden werde ich wach und verspüre so etwas wie Hunger in meiner Magengegend. Etwas verschlafen, setze ich mich auf und mache mich auf die Suche nach einem geeigneten Restaurant. In der Nähe des Parks finde ich ein recht nobles Restaurant, das ich zuvor auf dem Weg gesehen hatte. Ich setze mich an einen der Tische und bestelle mir ein vegetarisches Quinoa Pilz Risotto.

Ich kann es kaum glauben, denn ich schaffe es endlich, meinem Körper ein paar pflanzliche Proteine zuzuführen. In der Heimat würde mich dieses noble Restaurant wohl ein Vermögen kosten, aber für mich ist es aufgrund der Einkommensdiskrepanz zwischen Bulgarien und Deutschland überaus günstig.

Gut genährt, ausgeschlafen und gestärkt bin ich nun endlich in der Lage, die Stadt zu erkunden. Ich gehe von der Löwenbrücke zur Rotunde des heiligen George und der Saint Petka Church, wandere durch Grünanlagen und entzücke mich an der russischen Sveti Nikolay Mirlikiiski Kirche.

Vorbei am Crystal Garden und dem zentralen Militärclub gehe ich auf die beeindruckende Alexander Newski Kathedrale zu.

Vorher bestaune ich das detailreiche King Samuil Monument und schreite weiter auf die Kirche zu, während ich an der Löwenskulptur und dem Monument des unbekannten Soldaten vorbeigehe.

Die Alexander Newski Kathedrale steht auf einem großen runden Platz aus Kopfsteinpflaster umgeben von vielen faszinierenden Gebäuden und die Straße verläuft mehrspurig um sie herum. In der Mitte steht sie eindrucksvoll mit ihrer großen goldenen Kuppel und dem hellen Gemäuer, das massiv und unverrückbar die vielen Dächer, Türme, Säulen und Kuppeln trägt. Die große zentrale Kuppel schimmert golden über den anderen darunter liegenden kleineren Runddächern. Diese sind hellgrün, fast jadefarben. An allen vier Ecken des Gebäudes finden sich an den Eingängen zur Kirche jeweils kleinere goldene Kuppeln.

Beim Betreten der Kirche wird es plötzlich sehr still und dunkel. Es sind einige Kerzen entzündet und der Innenbereich erscheint sehr weitläufig, da sich keine Bänke darin befinden. Auch die Wände sind sehr dunkel und schimmern golden. Das Zentrum, über dem die gewaltige Kuppel ragt, reicht hoch hinaus mit einer beeindruckenden Freske im Inneren. Ich schreite respektvoll, wie es sich für jedes heilige Haus, unabhängig von der Religion gehört, durch die Kirche und staune, wie jedes Mal über die handwerkliche Meisterleistung und Hingabe von Mensch und Gesellschaft, solche Bauwerke zu errichten.

Voller Anerkennung verlasse ich die Kirche, schlendere in Gedanken versunken weiter durch die Stadt und begebe mich langsam doch allmählich wieder in Richtung Busbahnhof. Ich kaufe auf dem Rückweg etwas zu knabbern und zu trinken für die Fahrt und entdecke immer wieder etwas Elend in Form von Obdachlosen und Bettlern. Wenn ich so etwas sehe, frage ich mich immer, inwiefern dieses Leben frei gewählt oder aufgrund von misslichen Umständen so gelebt wird. Ich schätze dazu gibt es vielfältige Geschichten und Hinter- bzw. Beweggründe. Meine Gedanken schweifen zurück zu mir und ich komme am Busbahnhof an. Dort treffe ich vier französische Kletterer , die auch auf dem Weg nach Istanbul und der Türkei sind. Irgendwo im Zentrum der Türkei wollen sie eine Multipitch Tour an einem 3000er gemeinsam in zwei Zweiergruppen klettern. Klingt nach einem tollen Vorhaben und ich staune nicht schlecht, als ich höre, dass einer von Ihnen die Fähigkeit hat, nach deutscher Skala eine 9+ zu klettern. Das ist weitaus mehr als das, wozu ich in der Lage bin. Meine beste Kletterei kommt wohl nicht über eine 7+ hinaus. Aber ich bin ja auch kein Kletterer, sondern Bergsteiger. Das ist quasi etwas komplett anderes. Sie fragen mich, ob ich mit Ihnen in die Stadt gehen und zusammen Abendessen möchte. Da ich aber gerade aus der Stadt komme und nicht hungrig bin, lehne ich das Angebot dankend ab. In den umliegenden Läden des Busbahnhofs gebe ich mein letztes bulgarisches Bargeld aus und steige um 22 Uhr in den Nachtbus nach Istanbul. Ich stecke mir mal wieder meine Kopfhörer in die Ohren und lausche einem kurzen Hörbuch über das Osmanische Reich, das alte Konstantinopel und das Byzanz. In Gedanken an den Orient schwelgend und in Bewunderung für den tief stehenden, großen, orange gelben abnehmenden Mond schließe ich unbewusst meine müden Augen und falle in den Schlaf.

Es ist ein unbequemer, oft unterbrochener Schlaf. Nicht wirklich wohltuend oder erholsam, aber es ist immerhin etwas Schlaf und Ruhe.


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